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Oppauer Gasexplosion Pipeline-Betreiber und Staatsanwaltschaft unterscheiden sich in ihren Aussagen erheblich

Oppauer Gasexplosion: Wie dick war die Rohrwand?

Archivartikel

Ludwigshafen.Udo Pagga ist über die Maßen beunruhigt. „Ich komme mir vor, als ob ich auf einer Sprengmine sitze, deren Zünder nur durch die Erde daran gehindert wird, in Aktion zu treten“, schreibt der Leser dieser Zeitung über die Erkenntnisse rund um die Explosion der Oppauer Gaspipeline im Oktober 2014. Wie berichtet, hat die Staatsanwaltschaft Frankenthal das Verfahren zu dem Unglück eingestellt. Die Arbeit von sechs Sachverständigen und zwölf Gutachten hätten keinen hinreichenden Tatverdacht auf pflichtwidriges Verhalten ergeben.

Eine Aussage des Behördenleiters Hubert Ströber treibt Udo Pagga, der gerade mal 300 Meter von der Unglücksstelle entfernt wohnt, indessen noch immer um: Demnach war das Rohr der Gashochdruckleitung so verrostet, dass an der Unglücksstelle nur noch weniger als ein Millimeter von der Leitungswand übrig war – normal sind für Hochdruckleitungen 8,8, Millimeter. Nur die Erde darüber habe das Platzen der Rohrleitung verhindert. Dem widerspricht Leitungsbetreiber Gascade entschieden. Das Unternehmen versichert: „Wir haben auf der gesamten Leitung keine Anzeichen dafür, dass die Sicherheit durch reduzierte Rohrwanddicken beeinträchtigt war oder sein könnte. Im Ergebnis wurde die Sicherheit der Leitung ohne Einschränkungen bestätigt.“ Und auf Anfrage des Oppauer Ortsvorstehers Frank Meier (SPD) schreibt der Leitungsbetreiber: „Gascade lagen und liegen bis heute keine Erkenntnisse vor, dass die (...) Gashochdruckleitung ERM vor dem Unfall am 23.10.2014 Wandstärkenverluste, wie von der Staatsanwaltschaft genannt, aufwies.“ Im Klartext: Gascade zweifelt die Gutachten an, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft angefertigt wurden.

Ermittler informieren Ministerium

Für die Frankenthaler Ermittlungsbehörde ist die Akte geschlossen. „Für die Sicherheit der Leitung ist die Staatsanwaltschaft nicht verantwortlich“, betont der Leitende Oberstaatsanwalt Hubert Ströber auf Anfrage dieser Zeitung. Gleichwohl habe sich auch die Staatsanwalt die Frage gestellt, ob die Leitung vielleicht an anderen Stellen ähnlich gefährlich dünn sei. Deshalb habe man schon 2015 darauf hingewiesen, dass die Wand der Rohrleitung an der Unglücksstelle nurmehr einen Millimeter dick gewesen sei. Man habe die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd in Neustadt und das Wirtschaftsministerium informiert, sagt Ströber.

Die SGD gibt die Fragen dieser Zeitung an das Mainzer Ministerium weiter. Deren Auskunft: Man habe den Netzbetreiber darüber informiert, „dass möglicherweise Wanddickenverringerungen ursächlich für den Unfall“ gewesen seien. Nach einer Anhörung bei der Energieaufsicht im Wirtschaftsministerium habe Gascade den Druck in der Leitung von 58 auf zehn bar reduziert. Einen Monat später sei die Leitung auf ihrer gesamten Länge mit einem Spezialgerät, einem sogenannten „Ultraschallmolch“, überprüft worden. Ergebnis: Es habe keine Auffälligkeiten hinsichtlich der Wanddicke ergeben. Auch der TÜV habe die Messungen bewertet und keine Bedenken gehabt, den Betriebsdruck wieder auf bis zu 84 bar zu erhöhen. An neun Rohrabschnitten habe man die Messergebnisse manuell überprüft, informiert eine Ministeriumssprecherin, also das Rohr freigelegt und nachgemessen.

Nun hatte Gascade auch direkt vor dem Unglück die Leitung mit einem „Molch“ befahren und keine Unregelmäßigkeiten entdeckt – weshalb die Betreiberfirma das Gas gar nicht abstellen ließ, als Arbeiter die Spundwände rechts und links der Leitung in die Erde rammten. Die fatalen Folgen sind bekannt: Zwei Menschen starben, 22 wurden verletzt, zudem entstand Sachschaden in Millionenhöhe.

Für den Oppauer Ortsvorsteher Frank Meier ist die Sachlage klar. „Ich bin kein Spezialist für Rohrleitungsbau. Es gibt eine Betreiberverantwortung. Und wenn die Betreiber, die Stadt und die Behörden sagen , dass die Leitung sicher ist, dann muss ich das als gegeben hinnehmen.“ Allerdings hat Meier eine konkrete Forderung als Schlussfolgerung daraus: Wenn Gascade die Leitung offenlegt, müsse diese zuvor abgestellt werden: „Hätte man sie vor den Arbeiten stillgelegt, wäre auch nichts passiert“, sagt der Kommunalpolitiker.

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