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Justiz Beim Revisionsverfahren um die Entführung und Tötung von zwei Unternehmern kritisiert der neue Vorsitzende den Bundesgerichtshof in Karlsruhe

Richter spricht von „Frechheit“

Archivartikel

Frankenthal.Ein Heft mit dem Aufdruck „Schulheft“ verdeckt das Gesicht der Angeklagten, als sie Saal 20 im Frankenthaler Landgericht betritt. Ob die Bedeckung Zufall oder Absicht ist, erfahren die Zuschauer nicht, denn die 46-jährige Yasemin T. ist kaum zu hören. Dabei ist sie Hauptperson in dem Verfahren, in dem es seit Mittwoch erneut um den gewaltsamen Tod zweier Unternehmer aus dem Rhein-Neckar-Raum geht. Vor fast zwei Jahren waren T. und zwei Komplizen in Frankenthal wegen der Tode zu lebenslanger Haft verurteilt worden – wegen gemeinschaftlichen Mordes, erpresserischen Menschenraubs und räuberischer Erpressung. Doch der BGH hatte die Verurteilung der Frau wegen erpresserischen Menschenraubs und Mordes aufgehoben, weil er die Feststellungen zur Mittäterschaft „nicht ausreichend“ fand.

Opfer-Familie im Saal

Nun ist Yasemin T. wieder hier, ebenso wie die Hinterbliebenen, die Nebenkläger sind. „Für uns ist es einfach nicht schön“, sagt Burak Torun, Sohn eines ermordeten Immobilienkaufmanns aus Mutterstadt. Angespannt lauscht er später den Worten des Vorsitzenden, als dieser vorträgt, wie sein Vater erdrosselt wurde. Die ersten Urteile hätten – hinsichtlich des Bedürfnisses nach einer gerechten Strafe – zur Zufriedenheit der Familie beigetragen, so der Anwalt von Mutter und Sohn. Das erwarte die Familie auch jetzt.

Am ersten der zehn bis Dezember angesetzten Prozesstage werden das erste Urteil und die BGH-Entscheidung teilweise verlesen. Über die türkischstämmige Deutsche Yasemin T. referiert der Vorsitzende Richter Karsten Sauermilch, dass sie den Hauptschulabschluss hat, Frisörin lernte und drei Kinder hat. Im Frühjahr 2016 lernte sie den älteren der beiden Komplizen kennen. Dieser und der jüngere beschlossen laut Urteil, wohlhabende Männer zu entführen, zu erpressen und zu töten. Die Angeklagte habe davon zunächst nichts gewusst.

Im November 2016 lockte sie laut Urteil mit einem Vorwand einen Automatenaufsteller aus Brühl in eine Mannheimer Lagerhalle, der dort getötet wurde. Obwohl T. im Dezember 2016 laut Urteil ein potenzielles Opfer warnte, wurde sie auch an der Entführung des Immobilienunternehmers beteiligt. Er wurde im Januar 2017 in der Lagerhalle überwältigt, sammelte telefonisch bei Verwandten 975 000 Euro ein und wurde nach der Übergabe bei Bad Dürkheim erdrosselt. T. sei davon nicht informiert worden, aber sie habe damit gerechnet, so das Urteil.

Dass sie damit gerechnet habe, begründe keine Mittäterschaft, referiert Sauermilch aus dem BGH-Text. Zwar sei es ihr um Geld gegangen, das bedeute aber nicht, dass sie ein „erhebliches Eigeninteresse an der Tötung“ gehabt habe. Er habe keine Idee, wie man in T.s Psyche blicken könne, so Sauermilch, der einen längeren Prozess fürchtet. Als „Frechheit“ bezeichnet er eine negative Darstellung des ersten Urteils im BGH-Text, wo „von gravierenden Aufbau- und Darstellungsmängeln“ die Rede ist.

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