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„Babymord-Prozess“ Landgericht Frankenthal verurteilt angeklagten Vater wegen Mordes an Säugling zu 15 Jahren Gefängnis

„Verachtenswerte Tat“

Frankenthal.Mit geschlossenen Augen lässt der Großvater des getöteten Babys seine Hand über das Foto auf seinem Pullover gleiten. Ein lächelnder Säugling ist darauf zu sehen. „Unser Engel Senna ist immer mit uns!“ steht dabei. Als das Frankenthaler Landgericht den Vater des zwei Monate alten Mädchens wegen Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt, ist der Saal für einen kurzen Moment erfüllt von unterdrücktem Schluchzen und zustimmendem Klatschen. „Der Vater hat seinen wehrlosen Säugling vom Balkon geworfen, um die Mutter für ihre vermeintliche Untreue zu bestrafen“, fasst der Vorsitzende Richter Alexander Schräder das Motiv der Tat in Worte.

Der Version von David L., er habe das Baby im Kokainrausch versehentlich fallenlassen, erteilt die Kammer eine klare Absage: „Es gibt keinen vernünftigen Zweifel daran, dass er sein Baby vorsätzlich getötet hat“, betont Schräder.

Niedere Beweggründe

David L. stützt seinen Kopf auf die rechte Hand und hört scheinbar teilnahmslos zu, wie der Vorsitzende davon spricht, dass er sein Baby in einem „unbegründeten Eifersuchtsanfall vom Balkon geworfen hat, um die Mutter für ihre vermeintliche Untreue zu bestrafen.“ Dieses Verhalten eines Vaters sei „besonders verachtenswert“. Deshalb komme nur eine Verurteilung wegen Mordes aus niederen Beweggründen in Betracht.

So sind die Richter überzeugt, dass David L. in der verhängnisvollen Nacht zum 14. Mai 2016 seine schlafende Lebensgefährtin aus Eifersucht mit einem Messer attackiert hat. Er habe am Abend Kokain genommen, mit einem Bekannten an der Playstation gespielt und sich in die Vorstellung hineingesteigert, die junge Frau habe ein Verhältnis mit seinem Kumpel. Als der einzige Augenzeuge ihm das Messer aus der Hand schlägt, habe Sennas Mutter fliehen können. „Eigentlich war sie das Ziel der Angriffe. Durch ihre Flucht hat sich seine Eifersucht auf das Baby übertragen und zu dessen tragischer Tötung geführt“.

Dafür, dass David L. den Säugling absichtlich getötet hat, finden dieFrankenthaler Richter zahlreiche Belege. Schon am Tatabend habe der Vater zu den Polizeibeamten gesagt: „Ich habe mein Baby vom Balkon geschmissen.“ Außerdem sei auf einer Tonaufnahme der Nachbarn zu hören, wie er seinen Bekannten kurz vor Sennas siebeneinhalb Meter tiefem Sturz anschreit: „Du bist auch gleich dran!“ Damit habe er die Tötung des Babys angekündigt. Ein Ausruf des Erschreckens – den man erwarten würde, wenn ein Vater sein Kind aus Versehen fallen lässt – sei nicht zu hören. David L. habe sich auch nicht um sein Baby gesorgt, das fünf Meter vom Haus entfernt auf einer Rasenfläche lag und an schweren Schädelverletzungen starb.

Die Aufnahme widerlege auch, dass David L. im Kokainrausch plötzlich paranoide Ängste vor seinem Freund entwickelte und sein Kind vor ihm beschützen wollte. Vielmehr habe er sehr rational agiert: „,Das ist mein Baby’ ruft er, als sein Bekannter ihn bittet, die kleine Senna zurück in ihre Wiege zu legen.“ In seiner Erklärung hatte L. von hellen Blitzen und Schatten berichtet. Und davon, dass er glaubte, jemand wolle ihn erschießen. In seiner Panik sei er mit dem Baby auf den Balkon gerannt und gegen das Geländer gestoßen, das Kind sei seinen Händen entglitten und gefallen.

Vermindert schuldfähig

Dennoch bejahen die Richter den Einfluss von Kokain auf das Verhalten des Vaters. „Sicher haben die Drogen ihn enthemmt und seinen Eifersuchtsanfall verstärkt“, so der Vorsitzende. „Allerdings wurde die Eifersucht nicht durch das Rauschgift ausgelöst, sie prägte vielmehr die Beziehung des Paares.“ In der Tatnacht habe er zudem „Phasen kokainbedingter Halluzinationen“ durchlebt. Deshalb erkennt die Kammer auf verminderte Schuldfähigkeit, was die Verhängung einer lebenslangen Haftstrafe ausschließt.

Verteidiger Alexander Klein, der einen Freispruch gefordert hatte, will das Urteil vom Bundesgerichtshof überprüfen lassen. Was der Schuldspruch für Sennas Mutter bedeutet, versucht ihr Anwalt Frank Peter zu formulieren: „Für meine Mandantin ist es wichtig zu wissen, dass ihr Kind vorsätzlich getötet worden ist. Wir sind deshalb froh, dass das Gericht auf Mord entschieden hat. Trotzdem wird der Tod ihrer Tochter sie niemals loslassen. “

Info: Fotostrecke und Video unter morgenweb.de/region

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