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BASF-Prozess Angeklagter leidet seit der Explosionskatastrophe unter Panikattacken, Albträumen und Schmerzen

Von Unglück schwer gezeichnet

Archivartikel

Frankenthal.Der Mann mit den traurigen Augen erzählt fast flüsternd von seiner Arbeit. Obwohl er die Worte mechanisch aneinanderreiht, scheint der Beruf sein Leben erfüllt zu haben. Bis zum 17. Oktober 2016. An diesem Tag sollte der Schlosser als Monteur einer Fremdfirma auf dem Gelände der BASF eine Pipeline zerlegen. Dabei hat er nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft versehentlich die Nachbarleitung angeschnitten und so einen Brand verursacht, der das Explosionsunglück mit fünf Toten und 44 Verletzten auslöste. Deshalb steht der 63-Jährige seit Februar vor dem Frankenthaler Landgericht.

Nun hat der Schlosser aus Mannheim zum ersten Mal ausgesagt. Bislang hatte er auf Anraten seines Anwalts abgewartet. „Ich weiß nicht, ob ich wieder arbeiten kann“, sagt er so leise, dass man ihn trotz Mikrofon kaum hören kann. Dabei streift sein Blick immer wieder jene Menschen, die ihm gegenübersitzen: drei bei dem Unfall schwer verletzte Mitglieder der BASF-Werkfeuerwehr und die Eltern ihres getöteten Kollegen.

Das Unglück hat den 63 Jahre alten Mann aus dem ehemaligen Jugoslawien sichtbar gezeichnet. Seit der Explosion kann er nicht mehr arbeiten. Stattdessen berichtet er von Depressionen, Panikattacken, Schwindel und Albträumen. „Wenn es gut geht, schlafe ich eine bis eineinhalb Stunden pro Nacht.“ Er nehme regelmäßig Beruhigungstabletten und bekomme Spritzen. Bei dem Unfall hatte er Verbrennungen zweiten und dritten Grades an den Beinen und im Gesicht erlitten. Deshalb sei ihm zweimal Haut transplantiert worden. Außerdem höre er schlecht. Seine Befragung stockt deshalb oft.

Probleme bei Verständigung

Auch Verständigungsprobleme erschweren die Vernehmung, so versteht der 63-Jährige nicht immer, was die Richter nun genau von ihm wissen wollen. Zunächst möchte die Kammer erfahren, wie gut er auf die Arbeit im Rohrgraben vorbereitet worden ist und welche Tätigkeiten er normalerweise übernommen hat.

„Man muss sich an die Vorschriften auf den Feuerscheinen halten“, sagt er. Sonst unterscheide sich die Arbeit in der Chemiefabrik nicht von der in anderen Firmen. Allerdings habe sich meistens sein Chef um den „Papierkram“ gekümmert. Er arbeite seit zehn Jahren im Auftrag einer Fremdfirma bei der BASF.

Auch die Arbeit mit Rohrleitungsplänen habe für ihn zum Alltag gehört. Gelernt habe er das Lesen von Isometrie-Plänen bereits bei seiner Rohrschlosser-Ausbildung in den 70er Jahren in Jugoslawien. „Eine Weiterbildung braucht man da nicht, das ist ja die Grundlage unserer Arbeit.“ Sein Bauleiter habe ihn aber zu einer Sicherheitsschulung der BASF geschickt. Da sei es um allgemeine Dinge gegangen. „Wie weit muss eine Schweißstelle von einem Kesselwagen weg sein und solche Sachen“, sagt der kleine Mann mit der Brille. Bei der Werkfeuerwehr habe es eine Schulung zum Umgang mit Feuerlöschern gegeben. Die bringe seine Firma immer selbst mit zu den Baustellen. „Außerdem hat unser Bauleiter bei jeder neuen Baustelle allen erklärt, was dort besonders gefährlich ist.“

Der Vorsitzende Richter Uwe Gau lässt den Angeklagten seine Arbeitsabläufe schildern: Morgens habe man sich immer „auf dem Stützpunkt“ in Q 804 getroffen. „Da haben wir besprochen, welche Sicherheitsvorkehrungen gelten und was wir mitnehmen müssen“, erzählt er. Mit dem gepackten Auto sei er zur Baustelle gefahren. „Wenn die zur Kontrolle vorbereitet war, hat mein Chef jemanden von der BASF vorbeigeschickt, denn ohne Unterschrift darf man nicht arbeiten.“

Prüfberichte angefordert

Nebenklage-Vertreter Jan Schabbeck fragt, ob er davon wusste, dass die BASF den Hauptvertrag mit seiner Firma gekündigt hatte. „Ich bin nur Arbeiter, ich habe davon gehört – mehr nicht.“ Anwalt Alexander Klein hakt nach ob, der Angeklagte schon früher im Rohrgraben gearbeitet hat. 2011 war in der der Nähe der Unglücksstelle ebenfalls ein falscher Schnitt entdeckt worden. Prüfberichte und Fotos dieses Vorfalls hat der Vorsitzende nun bei der BASF Rechtsabteilung angefordert.

Bis zum Unglückstag kommen die Richter nicht mehr. Die Vernehmung wird abgebrochen, weil der Angeklagte eine längere Befragung nicht verkraftet. Wie viel der Mann am Mittwoch berichten kann, ist ungewiss. Schon im Vorfeld hatte er ausgesagt, dass er sich an den Schnitt nicht erinnern kann.

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