Metropolregion

Corona Seit 14. März schreibt eine Redakteurin dieser Zeitung in ihrem Blog täglich, wie ihre sechsköpfige Familie den Alltag erlebt – ein Rückblick

Wie ein Blog Nähe trotz Abstand schafft

Archivartikel

Es ist Donnerstag, der 31. Dezember. Tag 293. Als ich diese Zahl sehe, klingt sie unwirklich, unfassbar. Doch tatsächlich berichte ich seit 293 Tagen in dem Blog „Zwangsauszeit“, wie wir als sechsköpfige Familie den Alltag in Corona-Zeiten erleben – bei anfangs geschlossenen Schulen, noch immer geschlossenen Sportvereinen und inzwischen wieder geschlossenen Geschäften.

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Als meine Kollegen und ich Anfang März in der Kantine des „Mannheimer Morgen“ sitzen, entsteht die Idee: Corona ist bereits im Land, in der Stadt. Doch noch besuchen die Kinder die Schule, die Erwachsenen gehen ins Büro, es gibt aktive Sportvereine, Restaurantbesuche, große Familienfeiern – und unzählige Veranstaltungen, über die diese Zeitung berichtet. Niemand weiß damals, wie sich alles entwickeln wird. Aber alle am Tisch haben eine dunkle Vorahnung, dass sich auch in ihrem Leben in den nächsten ein, zwei Tagen viele Dinge massiv ändern würden.

„Wie soll das weitergehen, wenn die Kinder nicht mehr in die Schule gehen, nicht mehr ins Training?“, frage ich damals in die Runde. „Das würde mich auch interessieren, vor allem, wie das bei Euch mit vier Kindern funktionieren soll“, sagt ein Kollege am Tisch. So ist der Blog bei Pizza und Pasta geboren: Wie verändert sich das tägliche Leben einer Familie in Corona-Zeiten – ohne Schule, Sportvereine und öffentliche Freizeitmöglichkeiten? Seit dem 14. März, Tag eins nach dem Lockdown, schreibe ich das alles auf. Vom Alltag ohne Fußball und Tanzsport. Von meinem neuen Leben als Lehrerin, obwohl ich gar keine bin. Es geht in den vergangenen 293 Tagen um Langeweile, schöne Momente, Mitgefühl oder den Schulaufgaben-Wahnsinn. Und um Entschleunigung.

Viele Leser melden sich

Viele Leser haben sich bei mir gemeldet – aus Mannheim und der Region, sogar aus den USA, Kanada oder Norwegen: Sie freuen sich über den Einblick, berichten, wie es ihnen geht. Sie schütteln den Kopf darüber, dass unsere Schildkröte schlicht Schildi heißt oder lachen darüber, dass das Leben in einer größeren Familie doch überall irgendwie gleich ist. Viele, wie Gerhard Lauk aus Kanada, schicken mir Bilder, schreiben mir, wie sie die Situation meistern, manche schütten ihr Herz aus, andere geben uns Tipps, was man gegen trockene Hände tun kann, die vom Desinfektionsmittel rissig sind. Die Rückmeldungen sind toll, denn dieser Blog soll vor allem eines: Die Menschen zwischendurch auch irgendwie aufbauen.

Um ehrlich zu sein: An manchen Tagen ist es nicht leicht, die Zeilen zu füllen: Stress, Hektik – die Gedanken sind ganz woanders. Schlimme Nachrichten sind um uns alle herum. Doch beschweren möchte ich mich nicht. Auch wenn wir uns innerhalb der Familie eingeengt fühlen, weil alle gleichzeitig Hausaufgaben machen oder arbeiten wollen, ist unser Dach über dem Kopf schließlich groß genug. So viele Menschen haben schwere Last zu tragen, und viele leisten in der Pandemie Unglaubliches, damit es ihren Mitmenschen gut geht. Sie haben ganz viel Lob verdient.

Was kann ich nach 293 Tagen sagen? Der Blog ist ein Format, das über Grenzen hinweg Gemeinsamkeit und Nähe schafft – in einem Leben mit ansonsten 1,50 Meter Abstand. Wie lange es so weitergeht, weiß niemand. Doch wir haben schon 293 Tage durchgehalten. Und dafür können wir uns ein kleines bisschen auf die Schulter klopfen.

Info: Blog unter www.morgenweb.de/zwangsauszeit 

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