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Internet Über „Zero Rating“ lassen sich Musik und Filme ohne Datenlimit nutzen / Verbraucherschützer sehen Netzneutralität in Gefahr

Endloses Streaming, viele Fragen

Berlin.Momentan gibt es zwei sogenannte Zero-Rating-Angebote in Deutschland: Unter dem Namen StreamOn bietet die Telekom seit April 2017 die Möglichkeit, ohne Ende Musik und Videos zu streamen. Das monatliche Datenvolumen wird dabei nicht angefasst. Die Option lässt sich kostenlos zu ausgewählten Tarifen hinzubuchen.

Bei Vodafone gibt es mit dem Vodafone GigaPass seit Oktober 2017 ein ähnliches Angebot. Bei den Red- und Young-Tarifen können Kunden kostenlos einen von vier Pässen hinzubuchen. Chat-, Social-, Music- oder Video-Pass bündeln Apps der jeweiligen Kategorie – fortan wird ihr Datenverbrauch nicht mehr vom Monatsvolumen abgezogen.

Wer mit dem Datenvolumen am Monatsende immer knausern muss, fühlt sich erhört. Aber so verlockend die Angebote klingen: Verbraucherschützer und Digitalaktivisten kritisieren sie heftig, da sie Verbraucherrechte und die Netzneutralität untergraben sehen. Letztere ist in einer EU-Verordnung festgelegt. Sie lautet sinngemäß: Alle Daten müssen gleichrangig behandelt werden.

Nachbesserungen nötig

Zuständig für die Einhaltung der Netzneutralität ist in Deutschland die Bundesnetzagentur (BNetzA). Diese untersagte im Dezember Teilaspekte von StreamOn, die Telekom wurde zum Nachbessern verdonnert. Zum Beispiel bei der Auslandsnutzung, die vom „Zero Rating“ ausgeschlossen ist. Wer im Ausland streamt, kriegt es vom Datenvolumen abgezogen. Auch dass StreamOn-Kunden Videos in geringerer Auflösung sehen – das spart der Telekom Datendurchsatz –, finden die Wettbewerbshüter nicht in Ordnung.

Noch sei aber fraglich, ob die Telekom die Auflagen der BNetzA erfüllen wird, sagt Henning Gajek vom Telekommunikationsportal „Teltarif.de“: Im Ausland müsste die Telekom die Daten bei anderen Anbietern einkaufen, was „Zero Rating“ für das Unternehmen unattraktiv macht. Der Fall liegt beim Verwaltungsgericht Köln. Erst nach einer Entscheidung lässt sich absehen, wie es mit StreamOn weitergeht.

Auch der Gigapass von Vodafone wird aktuell durch die BNetzA überprüft. Dazu hat die Behörde Vodafone, Marktbeteiligte sowie Landesmedienanstalten, das Bundeskartellamt und Verbände angehört. Darunter ist auch der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). Der kritisiert, dass zwar Vodafone-Kunden bei Verträgen mit niedrigem Inklusivvolumen von den Partnerangeboten profitieren – der datenintensive Video-Pass sei jedoch nur für Kunden mit teurerem Red M-XXL und Young M-XL nutzbar.

„Willkürlich und unverständlich“

Auch die Vertragslaufzeit und die „künstliche Unterteilung“ des Angebots in die vier Kategorien ist dem VZBV ein Dorn im Auge. So braucht man für den Facebook-Messenger den Chat-Pass, für die Facebook-App dagegen den Social-Pass. Das sei willkürlich und für Verbraucher unverständlich. Auch sicherheitsbewusste Nutzer seien im Nachteil, da das Angebot verschlüsselte Verbindungen wie zum Beispiel VPN ausschließt. Auch die Qualitätsreduzierung von Videos sei nicht rechtens, ebenso wie die Begrenzung des Angebots auf Deutschland. Denn wie bei der Telekom, ist der Gigapass nur im Inland gültig. Im Ausland wird genutztes Datenvolumen vom Inklusivvolumen des Tarifs abgezogen.

Der Chaos-Computer-Club (CCC) kritisiert unter anderem die Auswirkungen des Angebots auf die Medienvielfalt, freie Meinungsäußerung und die Informationsfreiheit. Unternehmen würden durch solche Zero-Rating-Angebote zu einer Art Türsteher für Online-Inhalte. Die Aktivisten fürchten, dass nur noch die Inhalte von Anbietern mit genügend Finanzkraft zum Zuge kommen und kleine, unabhängige oder auch ausländische Anbieter außen vor bleiben.

Bei Vodafone stoßen diese Sorgen auf Unverständnis. „Der Vodafone Pass ist offen und diskriminierungsfrei und verstößt nicht gegen die EU-Netzneutralitätsverordnung“, sagt Pressesprecher Dirk Ellenbeck. Wann und wie sich die BNetzA dazu äußert, steht noch nicht fest.