MVV

Auslandsgeschäft Mannheimer Versorger erwirtschaftet rund zehn Prozent des Umsatzes außerhalb Deutschlands

Fernwärme und Energiewende sind die MVV-Exportschlager

Mannheim.Die Geschichte ist längst legendär: Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, war der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl zu Besuch in Warschau. Mit dabei: Roland Hartung, Chef der Stadtwerke Mannheim – der damit Weltpolitik aus der Nähe verfolgen konnte.

Was dagegen weniger bekannt ist: Diese Reise war der Startschuss für das Auslandsgeschäft der heutigen MVV Energie, das inzwischen rund zehn Prozent des Gesamtumsatzes von 3,9 Milliarden Euro ausmacht. Vor 30 Jahren entstanden die Kontakte nach Polen, vor 20 Jahren begann das Engagement in Tschechien. Ein Überblick.

Polen

„Wir waren ganz wild darauf, hinter den ,Eisernen Vorhang’ zu blicken. Und die waren ganz wild darauf, uns kennenzulernen“, erinnert sich Roland Hartung an die Anfänge. Diese sind untrennbar mit ihm und mit Warschau verknüpft: Für den dortigen Flughafen hat die MVV – die damals schon als einer der führenden Fernwärmebetreiber galt – zunächst ein Konzept zur Energieversorgung entwickelt, dann folgte der Beratungsauftrag zur Modernisierung des städtischen Fernwärmenetzes. „Es ging ums Prestige“, sagt Hartung noch heute voller Begeisterung. „Wir wollten zeigen: Wir können das!“

Es folgten, stets im Rahmen kommunaler Partnerschaften, Beteiligungen in Skrzysko-Kamienna, in Mannheims Partnerstadt Bydgoszcz (2001) und in Stettin (2002).

Doch dann wurden die politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen für die Tochtergesellschaft MVV Polska, die zuletzt einen Umsatz von rund 40 Millionen Euro verzeichnete, zunehmend schwieriger, die Wachstumschanchen geringer. Nach zwei Jahren mit Verlusten zog Hartungs Nachfolger Rudolf Schulten 2008 schließlich die Reißleine und verkaufte die Beteiligungen in Polen an die damalige Ruhrgas AG.

Tschechien

Ein weiteres Geschäftsfeld in einem anderen ehemaligen Ostblock-Staat hatte sich bis dahin jedoch längst etabliert: Im Zuge der politischen Öffnung hatte die MVV auch Anfragen aus Tschechien erhalten. 1999 übernahm sie schließlich das Unternehmen EPS, das bereits in mehreren Städten für die Fernwärmeversorgung mitverantwortlich war.

Daraus entstand die MVV Energie CZ, die ihren Firmensitz in Prag hat. Das dortige Fernwärmenetz betreibt sie zwar nicht, aber dafür ist sie in 14 anderen Kommunen an solchen beteiligt. Damit zählt der Mannheimer Mutterkonzern eigenen Angaben nach zu den vier größten Fernwärmeanbietern in Tschechien. Und die Geschäfte laufen sehr zufriedenstellend, heißt es aus der Zentrale. Entsprechend wurde das Engagement punktuell erweitert, so dass die MVV heutzutage auch kleinere Müllverbrennungs- und Geothermieanlagen dort betreibt.

Großbritannien

Von kleineren Anlagen kann in Großbritannien dagegen keine Rede sein. Nachdem die Europäische Union 2005 beschlossen hatte, Mülldeponien künftig zu verbieten, mussten auf der Insel neue Konzepte zur Abfallentsorgung her. Ein nationales Förderprogramm wurde aufgelegt. Und die MVV, die langjährige Erfahrungen etwa aus Mannheim vorweisen konnte, erhielt 2011 in Plymouth den Zuschlag – und errichtete dort für 250 Millionen Euro ihre bis dahin teuerste Anlage. Diese verbrennt nicht nur den Müll, sondern versorgt gleichzeitig seit etwa fünf Jahren auch die angrenzende Marinebasis mit Strom und Fernwärme.

In der Nähe von London, genauer gesagt in Ridham Dock, tat die MVV 2013 dann das, was sie rund zehn Jahre zuvor bereits in Mannheim oder Königs Wusterhausen getan hatte: ein Biomassekraftwerk bauen. Das jüngste Projekt befindet sich allerdings hoch im Norden, im schottischen Dundee. Dort errichtet die MVV seit 2018 für rund 135 Millionen Euro wieder ein Heizkraftwerk, das im Sommer in Betrieb gehen soll.

Der Brexit stellt für das Unternehmen eigenen Angaben nach dabei kein größeres Risiko dar, weil das Projekt sich komplett im Vereinten Königreich abspielt und die Währungsrisiken abgesichert seien.

Der aktuelle MVV-Chef Georg Müller zieht so mit Blick auf die Auslandsbeteiligungen ein zufriedenes Fazit: „Deutschland ist und bleibt unser Heimatmarkt. Wenn wir die Möglichkeit haben, unser Wissen und unsere Erfahrung auch international wirtschaftlich anzuwenden, dann prüfen und nutzen wir das.“