Nationalmannschaft

Fußball Außerhalb des Rasens gelingt dem DFB nach dem WM-Desaster nur ein Stotterstart / Kritik von Hoffenheim-Mäzen Hopp

Ärger um späte Anstoßzeit und das Sinsheim-Spiel

Archivartikel

Sinsheim.An diesen Worten wird sich auch Joachim Löw in Zukunft messen lassen müssen. Der Bundestrainer verspricht mehr Fan-Nähe, insbesondere Kinder sollen ihre „Idole“ mehr zu Gesicht bekommen. Die Debatte um hohe Eintrittspreise, zu späte Anstoßzeiten und öffentliche Trainingseinheiten flammte beim Neustart nach dem WM-Debakel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft neu auf. „Ich bedauere, dass das Spiel um 20.45 Uhr an einem Sonntagabend stattfindet“, hatte Hoffenheims Mehrheitseigner Dietmar Hopp am Rande eines Golfturniers der Aktion Kinderträume in St. Leon-Rot kritisiert. Ähnlich äußerte sich Sinsheim Oberbürgermeister Jörg Albrecht. „Ich habe das Ohr am Volk, kriege hautnah mit, wie groß die Enttäuschung nach der WM ist. Man wäre gut beraten gewesen, zurück zu den Wurzeln zu gehen. Man hat es stattdessen versäumt, nach der WM einen Schritt auf die Menschen zuzugehen“, sagte der Kommunalpolitiker der „Bild“.

Löw zeigte dafür Verständnis. „Am Montag ist erster Schultag und da kann man sich natürlich nicht vorstellen, dass diese Kinder alle ins Stadion können“, sagte der Freiburger und ergänzte mit Verweis auf die Interessen des Fernsehens und des Verbandes: „Das sind Entscheidungsprozesse, die ich in diese Maße nicht beeinflussen kann.“ Der DFB ist an Verträge gebunden. Die TV-Anstalten erzielen bei Anstoßzeiten nach 20 Uhr höheren Einschaltquoten. Zudem werden die Anstoßzeiten bei Spielen wie in der neu eingeführten Nations League von der UEFA diktiert.

Angst vor Frankfurter Ultras?

Dem DFB gelang insgesamt rund um die Partien gegen Weltmeister Frankreich und Peru allenfalls ein Stotterstart. Dabei gilt, was Mats Hummels nach dem 0:0 gegen Frankreich sagte: „Fußball ist Unterhaltung und ein Sport für die Fans. Wir wollen die Leute wieder für uns begeistern.“

In die Fan-Debatte mischte sich am Wochenende auch noch Aufregung um den Austragungsort des Tests gegen Peru. Sinsheim statt Frankfurt lautete das Verbandsvotum. Angeblich, weil DFB-Präsident Reinhard Grindel die Befürchtung hegte, dass Frankfurter Ultras kurz vor der Vergabe des EM-Turniers 2024 die deutsche Bewerbung mit negativen Bildern von Ausschreitungen oder Bengalos torpedieren könnten. Das berichtete der „Spiegel“ und berief sich dabei auf einen internen Mailwechsel der DFB-Spitze. Der Verband stellt dies anders dar. Ein anderer Aspekt habe bei der Ortswahl im Vordergrund gestanden. „Es war ein Gedanke dahin, ein ausverkauftes Stadion zu haben“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff im ZDF-„Sportstudio“. Die im Vergleich zum Frankfurter Stadion halb so große Rhein-Neckar-Arena konnte mit knapp 26 000 Zuschauern tatsächlich gefüllt werden.

Zwei volle Stadien in München und Sinsheim sowie „wahnsinnig viele Kinder“ (Löw) am Samstag bei der Ankunft am Teamhotel in Heidelberg bewiesen, dass das Interesse an den Nationalspielern trotz des sportlichen Versagens in Russland kaum gelitten hat. Hummels und Kollegen schrieben auch eifrig Autogramme. Die Zuneigung der Fans „hat uns allen sehr gut getan“, berichtete Marco Reus schon in den Münchner Tagen. Dennoch wurde eine Chance vertan. „Wir werden an der Nahbarkeit arbeiten, häufiger die Türen und Tore aufmachen“, hatte Bierhoff angekündigt. Der gute Vorsatz blieb in Ansätzen stecken.

Löw würde sich mehr Länderspiele am frühen Abend wünschen. „Meine Meinung ist schon seit einigen Jahren bekannt“, sagte er am Samstag in Sinsheim: „Dann könnten die Kinder das Spiel sehen. Sie sind ja auch die Zukunft. Gerade in dem Alter sind sie zu sensibilisieren für Fußball. Wir würden uns alle wünschen, wir könnten um 18 Uhr spielen, dann könnten diese Kinder ihre Idole auch sehen.“ dpa/alex