Nationalmannschaft

Fußball Kritik von und an Bundestrainer Löw wird nach dem 3:3 gegen die Türkei spürbar lauter

Alte Fehler statt neuer Euphorie

Archivartikel

Köln.Verlust der Spielkontrolle, Mängel in der Zuordnung im eigenen Strafraum und in der Raumordnung, eine verbesserungswürdige Effizienz der Offensive trotz der drei erzielten Treffer, ein erneutes Gegentor kurz vor Abpfiff und insgesamt zu wenig Sorgfalt: Die Kritikpunkte, die Joachim Löw als Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach dem 3:3 (1:0) im Test gegen die Türkei unverhohlen an seiner stark ersatzgeschwächten Mannschaft übte, sind beileibe nicht neu. Sie führen zunehmend auch zur Kritik an seiner eigenen Arbeit.

Auf den ersten Blick wirkt es etwas übertrieben, wenn nun vielerorts dramatisiert wird, dass die Nationalmannschaft seit einem knappen Jahr sieglos ist. Coronabedingt absolvierte sie in dieser Zeit nur drei Spiele, die gegen Spanien (1:1), die Schweiz (1:1) und nun die Türkei jeweils unentschieden endeten. Viel mehr sind Trainer und Team daran zu messen, wie die eigenen Vorgaben auf dem Platz umgesetzt werden. Und hier klaffte auch gegen die Türkei eine zu große Lücke zwischen Ansprüchen und der Wirklichkeit.

Die Fehler des Bundestrainers

„Für uns ist es wichtig, wieder Begeisterung zu wecken“, hatte DFB-Sportdirektor Oliver Bierhoff vor dem Spiel gesagt. Die Zahlen untermauern diese Notwendigkeit. Bei RTL schauten nicht mal mehr sechs Millionen zu. Neue Lust auf die Nationalmannschaft wird nur eine Minderheit entwickelt haben. Wer gegen die Türkei drei Führungen fahrlässig herschenkt, geht weder gegen die eigene Verunsicherung vor, noch legt er die Grundlage für den ersehnten öffentlichen Stimmungswechsel.

Im ersten von drei Länderspielen innerhalb von nur sieben Tagen – der DFB ist mit dieser Terminflut nach UEFA-Vorgaben nicht glücklich – gab Löw einem guten halben Dutzend Perspektivspielern die Gelegenheit, sich für den EM-Kader 2021 zu empfehlen. Allein die Torschützen Florian Neuhaus und Luca Waldschmidt nutzten diese Chance. „Es ist ein ganz besonderer Tag für mich. Vielleicht der größte meiner Karriere“, sagte Neuhaus nach seiner Länderspiel-Premiere. „Ich bin froh, mein erstes Länderspiel absolviert und dazu noch ein Tor geschossen zu haben. Aber viel lieber hätte ich mit der Mannschaft gewonnen.“

Dabei schien die wenig erfahrene deutsche Elf, die sich in neuer Zusammensetzung erst einmal finden musste, nicht zuletzt mit seinem Treffer zum 2:1 (58.) durchaus auf einem ansprechenden Weg angekommen zu sein. Entsprechend muss sich Löw ankreiden, die zunehmende Harmonie im Spielverlauf mit fünf Wechseln ab der 59. Minute riskant aufs Spiel gesetzt zu haben. Den Debütanten Jonas Hofmann und Mahmoud Dahoud, weiteren wenig erfahrenen Einwechselkräften und letztlich dem ganzen Team tat er damit keinen Gefallen. Dahoud, Benjamin Henrichs, Nico Schulz, Niklas Stark und Nadiem Amiri fliegen nicht mit zum Nations-League-Spiel am Samstag (20.45 Uhr) in der Ukraine.

Doch bei der Zusammenfassung seines Konglomerats an Kritikpunkten zeigte sich der Bundestrainer wenig selbstkritisch: „Das ist eine Sache der Konzentration und auch Mentalität“, richtete Löw vielmehr an die Adresse der Mannschaft.

Um dann den Blick lieber wieder nach vorne zu richten. „Es wird wichtig sein, dass wir die nächsten Spiele siegreich gestalten. Es wird eine andere Mannschaft in der Ukraine auf dem Platz stehen“, sagte Löw. Dann ist unter anderem der am Mittwoch fehlende Bayern-Block wieder dabei. Auch der erkältete Timo Werner ist aus London nachgereist. Sein Einsatz in der Nations League ist aber ebenso wenig sicher wie der vom angeschlagenen Toni Kroos. „Alle, das kann ich versichern, sind heiß und hochmotiviert, das nächste Spiel zu gewinnen“, sagte Löw. Und schloss an: „Ich glaube, wir werden das schaffen.“ Auch der Bundestrainer weiß: Sollte am Samstag (20.45 Uhr) in der Ukraine, die am Mittwoch gegen Frankreich krachend mit 1:7 unterging, aber das ersehnte Erfolgserlebnis erneut ausbleiben, wird die Kritik an ihm neue Dimensionen erreichen.