Nationalmannschaft

Fußball Bundestrainer Joachim Löw verabschiedet sich vorerst vom technisch anspruchsvollen Spiel

Athletik statt Ästhetik

Archivartikel

München.Es ist ein bisschen so wie in einer Beziehung, in der es überraschend zum großen Knall gekommen ist. Bevor die herrlich harmonischen Tage zurückkehren können, mit gegenseitigen Liebesbekundungen, voller Vertrautheit und den alten Hochgefühlen, muss erst einmal der gemeinsame Alltag wieder stressfrei bewältigt werden.

Als Bundestrainer Joachim Löw nach dem 0:0 in der Nations League gegen Frankreich zu seinem aktuellen Gemütszustand befragt wurde, wich der Freiburger aus. Erleichtert? Glücklich? Weiter angespannt? Löw dachte kurz nach und flüchtete dann in einen gefühlsneutralen Allgemeinplatz: „Ich bin heute zufrieden mit der Leistung der Mannschaft.“

Besinnung auf 2014

Stramm war dem 58-Jährigen in den vergangenen Monaten der Wind ins Gesicht geblasen, das WM-Desaster von Russland mit all seinen unschönen Begleiterscheinungen hatte die Zweifel am Bundes-Jogi ins Uferlose wachsen lassen. Nicht auszudenken, was auf Löw eingeprasselt wäre, wenn der Neustart nach dem Russland-Fiasko in die Binsen gegangen wäre. Von Weltmeister Frankreich im eigenen Land vorgeführt, alle Problemzonen schonungslos aufgedeckt – für Löw wäre es langsam aber sicher richtig eng geworden.

Der Bundestrainer entschied sich deshalb auch aus Eigeninteresse für die fußballerische Sicherheitsvariante. Erst einmal im Alltag wieder halbwegs solide funktionieren, um danach die notwendigen Umbauarbeiten in Ruhe angehen zu können. Also kam es in der Münchner Arena zur Rückkehr der bei der WM 2014 leicht despektierlich „Ochsenabwehr“ getauften Variante mit vier Innenverteidigern in der Viererkette, bei der Löw Matthias Ginter (rechts) und Antonio Rüdiger (links) eingebläut hatte, die Mittellinie nur in unvermeidbaren Ausnahmefällen zu überqueren. „Wir wussten, dass Frankreich mit Mbappé und später Dembélé über außen kommt und offensive Außenverteidiger und damit eine enorme Kraft nach vorne hat. Daher war es heute das Richtige, mit einer stabilen Viererkette zu spielen“, sagte Löw, deutete aber an, dass gegen schwächere Gegner als den amtierenden Weltmeister auch wieder offensiver denkende DFB-Formationen geben werde: „Anpassung und Flexibilität sind wichtig. Immer wird das nicht die richtige Lösung sein, weil es auch Gegner gibt, die mehr hinten drinstehen.“

In den Katakomben des Münchner WM-Stadions kursierten nach Abpfiff Beschreibungen wie „Hoffnungsschimmer“ oder „Achtungserfolg“ für das gerade Gesehene. Vor allem eine starke Phase der DFB-Elf Mitte der zweiten Halbzeit, als Marco Reus oder Mats Hummels gegen müde werdende Franzosen Gelegenheiten zum Siegtreffer hatten, diente als Beleg dafür, dass ein erster Schritt aus der schweren Krise gemacht wurde. Im Gegensatz zu den blamablen Auftritten in Russland stimmte zumindest die Körpersprache wieder, mit Leidenschaft und Laufbereitschaft wurden individuelle Nachteile gegenüber dem französischen Übertalent kompensiert. „Es ging darum, dass wir den Leuten zeigen, dass wir nicht nur aus Jux und Dollerei hierherkommen und mal so nebenbei ein Nationalspiel machen und uns das Nationaltrikot überstreifen, als ob es ein Trainingsleibchen ist“, postulierte Thomas Müller. Auch von Löw, einem Verfechter des schönen, technisch anspruchsvollen Spiels, waren erstaunliche Äußerungen in diese Richtung zu hören: „Jeder einzelne Spieler ist zum jetzigen Zeitpunkt der Saison an die Grenze gegangen, hat die Zweikämpfe angenommen. Diese Tugenden waren zu erkennen.“ Es hätte nur noch gefehlt, dass der feingeistige Bundestrainer fordert, sein Team müsse künftig regelmäßig über den Kampf zum Spiel finden.

Sonntag in Sinsheim gegen Peru

Der erste Teil der Konsolidierung nach dem Kollaps im Sommer ist also zur allgemeinen Zufriedenheit bewältigt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das weiß auch Löw. „Es wäre naiv, wenn man glaubt, dass mit einem Spiel die WM wettgemacht wird. Das ist ein langer Prozess. Am Ende können wir uns nur beim nächsten Turnier rehabilitieren“, gestand der Südbadener.

Für das Testspiel am Sonntag (20.45 Uhr/live RTL) in der ausverkauften Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena gegen Peru kündigte Löw an, der jungen Garde eine Bewährungschance zu geben. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der eine oder andere Junge von Anfang an die Möglichkeit bekommt“, sagte der Bundestrainer.

Damit könnte auch der Hoffenheimer Linksverteidiger Nico Schulz im eigenen Stadion sein Debüt im A-Team feiern. Heute um 11.30 Uhr fliegt die DFB-Elf aus München an den Mannheimer City Airport, dann geht es weiter ins Heidelberger Mariott Hotel. Für den Nachmittag (17.30 Uhr) ist eine nicht-öffentliche Trainingseinheit in Sinsheim angesetzt.