Nationalmannschaft

Fußball Beim Neustart nach dem WM-Fiasko hat der Hoffenheimer Nico Schulz gute Chancen auf sein DFB-Debüt

Auf Wiedergutmachungs-Tour

Archivartikel

München.Joachim Löw marschierte in schwarzer Lederjacke lässig Richtung Teamhotel und nahm sich Zeit für die wartenden Fans. Ilkay Gündogan wurde trotz der Sommer-Querelen um die Erdogan-Affäre von den Autogrammjägern am Englischen Garten freundlich begrüßt und zu gemeinsamen Handy-Fotos aufgefordert. Als Real-Star Toni Kroos gestern beim Neustart der im Sommer brachial entzauberten deutschen Fußball-Weltmeister in München aber gleichfalls Volksnähe demonstrierte, ertönte kurz darauf am schwarzen DFB-Bus mit dem umstrittenen Slogan „Die Mannschaft“ schrillend die Alarmanlage.

Den Hallo-Wach-Effekt für Kroos hatte Teamkollege Marco Reus nicht mitbekommen. „Da war ich schon auf dem Zimmer“, berichtete der Dortmunder. Aufrütteln muss die Nationalspieler vor dem Start zum kniffligen Projekt Wiedergutmachung mit dem Nations-League-Kracher gegen Weltmeister Frankreich am Donnerstag in der Allianz Arena und dem Test gegen Peru drei Tage später in Sinsheim aber niemand mehr.

„Wir haben zwei wichtige Spiele vor der Brust. Direkt gegen den Weltmeister, da gilt es ein Zeichen zu setzen, dass mit uns wieder zu rechnen ist“, erklärte Reus nach der Zusammenkunft. Für den Weg aus der großen deutschen Fußball-Krise nur 68 Tage nach dem Desaster in Kasan sei „harte Arbeit“ nötig, betonte der BVB-Star. „Und das fängt im Training an und setzt sich im Spiel fort.“

Hector setzt aus

Löw hatte nach seiner Charmeoffensive für die Fans vor dem Hotel rasch das erste nicht öffentliche Training für seinen 22-Mann-Kader mit 16 WM-Fahrern auf dem Bayern-Campus angesetzt. Dabei verlor Löw nach einem Pfiff als Startsignal nicht viele Worte. Nach einer kurzen Ansprache begannen die Fitness-Coaches mit dem Aufwärmprogramm. Nicht mit dabei war Jonas Hector. Der Kölner Linksverteidiger verzichtet nach einem Gespräch mit Löw wegen der hohen Belastung mit dem frühen Saisonstart in der 2. Liga.

Der 28-Jährige soll die Länderspielpause für individuelles Training nutzen. „Für die kommenden beiden wichtigen Länderspiele brauchen wir Spieler, die fit und bereit sind und alles geben können“, begründete Löw den mit WM-Teilnehmer Hector vereinbarten Verzicht.

Löw weiß, dass er positive Ergebnisse liefern muss. Dafür ist er auch abhängig von den Spielern. Timo Werner hielt bei der Ankunft ein Plädoyer für den Bundestrainer. „Ich glaube, dass man ihm sehr viel Unrecht getan hat.“ Löw sei ein „super Trainer“, betonte der Leipziger Angreifer. „Er weiß auch und hat gesehen, was der Fehler war, und das ist ihm hoch anzurechnen, zu sehen, wie viel er auf sich nimmt“, sagte Werner. Der 22-Jährige will seinen Teil dazu beizutragen, „dass Geschehene wieder gutzumachen“. Er sieht die DFB-Auswahl in einer günstigen Position. „Ich glaube, dass wir jetzt nicht mehr die Gejagten sind, sondern die Jäger. Und wir sind nicht mehr unter dem Druck zu sagen, wir müssen jedes Spiel gewinnen, weil wir die beste Mannschaft der Welt sind, sondern wir können frei aufspielen.“

Hectors Fehlen erhöht die Chancen des Hoffenheimers Nico Schulz auf ein Länderspieldebüt auf der traditionellen Problemposition hinten links. Thilo Kehrer von Paris Saint-Germain und Leverkusens Kai Havertz sind weitere Kandidaten für eine Premiere im DFB-Trikot. Nils Petersen (Freiburg), Jonathan Tah (Leverkusen) und Leroy Sané (Manchester City) bekommen die von Löw versprochene zweite Chance, nachdem er sie kurz vor der WM aus dem Kader gestrichen hatte. Sané flog nach dem Wirbel in England um seine Nichtberücksichtigung für das Ligaspiel gegen Newcastle mit Antonio Rüdiger und Geburtstagskind Jérôme Boateng (30) aus Berlin nach München ein.