Nationalmannschaft

Fußball Sein erster Länderspiel-Einsatz hat dem Ludwigshafener Nadiem Amiri Lust auf mehr gemacht

Aufgeregt beim Debütantenball

Dortmund.Das Adrenalin durchflutete noch seinen Körper, als Nadiem Amiri eine halbe Stunde vor Mitternacht den Mannschaftsbus bestieg. „Ich bin unglaublich stolz, es ist ein unbeschreibliches Gefühl gerade“, sagte der aufgewühlt wirkende 22-Jährige aus Ludwigshafen nach seinem ersten A-Länderspiel für Deutschland dieser Zeitung. Beim 2:2 gegen Argentinien in Dortmund war der offensive Mittelfeld-Mann von Bayer Leverkusen in der 66. Minute eingewechselt worden. Und auch wenn er auf dem Platz stand, als die Südamerikaner durch Lucas Ocampos den späten Ausgleich erzielten (85.), überwog bei Amiri die Freude darüber, es endlich in den exklusiven Kreis der besten deutschen Fußballer geschafft zu haben. „Natürlich hätte ich bei meinem Debüt gerne gewonnen“, sagte er. „Aber ich bin sprachlos, wo ich jetzt gelandet bin. Das muss ich erst einmal sacken lassen.“

Ludwigshafener SC, 1. FC Kaiserslautern, SV Waldhof, TSG 1899 Hoffenheim, U-21-Europameister, Bayer Leverkusen, A-Nationalmannschaft – so liest sich Amiris Fußballer-Karriere seit Mittwochabend in Stichworten. „Ein Traum ist wahr geworden“, schrieb der Ludwigshafener, dessen Eltern in den 80er Jahren wegen des Krieges aus Afghanistan in die Kurpfalz geflüchtet waren, am Donnerstagsmorgen im sozialen Netzwerk Instagram. Fast 3000 Nutzer, unter ihnen sein früherer Hoffenheimer Mitspieler Florian Grillitsch oder Waldhof-Torjäger Valmir Sulejmani, gratulierten umgehend.

Wie groß ist die EM-Chance?

Amiris Traum ist auch deshalb wahr geworden, weil eine außergewöhnliche Verletzungsmisere die DFB-Elf heimgesucht hat. Leon Goretzka, Leroy Sané, Timo Werner, Julian Draxler, Marco Reus – in der Offensive gab es viele namhafte Ausfälle. Also fiel die Wahl des Bundestrainers bei der Nachnominierung auf Amiri, der über rar gewordene Fähigkeiten verfügt. Der frühere Hoffenheimer ist ein Dribbler, jemand, der es auch mal mit mehreren Gegnern aufnimmt, der auch mal scheitert, aber es immer wieder versucht. Bei seiner DFB-Premiere gegen Argentinien konnte Amiri diese Qualitäten allerdings bestenfalls andeuten – die deutsche Auswahl stand nach dem Anschlusstreffer zum 2:1 von Lucas Alario (66.) zu sehr unter Druck und verspielte letztlich die 2:0-Führung durch Tore des starken Serge Gnabry (16.) und von Kai Havertz (22.) noch.

Das sah auch der Bundestrainer so. „Nadiem kam rein und hatte natürlich wenige Möglichkeiten, sich noch auszuzeichnen. Er musste viel nach hinten arbeiten in der Phase, aber er hat ja seine Stärken im Spiel nach vorne“, resümierte Joachim Löw Amiris Kurzauftritt: „Im Training konnte man schon sehen, dass er sehr gute Möglichkeiten und Ansätze hat. Da können wir uns noch ein bisschen was erhoffen.“

Der 59-Jährige hatte insgesamt vier Perspektivspielern zu ihrem ersten Länderspiel verholfen, neben Amiri durften beim Debütantenball von Dortmund auch Luca Waldschmitt, Suat Serdar und der gebürtige Lauterer Robin Koch DFB-Luft schnuppern. Es waren die Neulinge 102 bis 105 in der Ära Löw.

Ob Amiri auch realistische Chancen hat, im kommenden Sommer bei der EM dabei zu sein, bleibt abzuwarten. Schon am Sonntag (20.45 Uhr/RTL), im EM-Qualifikationsspiel in Estland drängt Reus zurück ins Team, was die Chancen des Hochbegabten aus der Waldhof-Jugend auf seinen nächsten Einsatz schmälert. Aber Amiri hat Lust auf mehr bekommen – dabei hilft ihm die Sozialisation auf den Bolzplätzen der Region, auf denen keine Schönspielerei, sondern viel Kampf gefragt war: „In mir steckt immer noch verdammt viel Ludwigshafen und Mannheim.“

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/dfb-elf

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