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Fußball Der Verzicht von Bundestrainer Joachim Löw auf Jérôme Boateng wirft Fragen auf / Jonathan Tah wieder als Ersatzmann

Ausbootung auf Raten?

Berlin.Für Jérôme Boateng hat Bundestrainer Joachim Löw im brisanten Abstiegsendspiel gegen Holland keine Verwendung. Spekulationen über ein Ende der Karriere des Ex-Weltmeisters im Trikot der Fußball-Nationalmannschaft trat Bayern-Trainer Niko Kovac aber sofort energisch entgegen. „Es ist die Entscheidung des Bundestrainers. Dass Jérôme nicht dabei ist, ist ein Novum. Das heißt aber nicht, dass er in Zukunft nicht dabei ist“, reagierte Kovac auf Löws überraschende Personalentscheidung für den Länderspiel-Abschluss des so enttäuschenden WM-Jahres.

Löws Erklärung, bei der so wichtigen Abschlusspartie in der Nations League gegen die Niederlande am 19. November in Gelsenkirchen und dem Test vier Tage zuvor in Leipzig gegen Russland auf Boateng zu verzichten, ließ aber viel Interpretations-Spielraum.

„Eine Pause tut ihm gut“

„Ich bin davon überzeugt, dass auch ihm aktuell eine Pause gut tut. Ich habe ihm gesagt, dass wir auch auf seiner Position viele Alternativen haben, gerade mit jüngeren Spielern“, sagte Löw, der nach der WM schon Sami Khedira aufs Abstellgleis geschoben hatte.

Boateng reagierte moderat auf seine vorerst temporäre DFB-Absenz. „Nach einem sehr guten und vertrauensvollen Gespräch mit dem Bundestrainer sind wir so verblieben, dass ich nach einem anstrengenden Jahr für die beiden anstehenden Länderspiele eine Pause bekomme, um in München weiter an meiner Fitness zu arbeiten“, schrieb er bei Twitter und wünschte, verbunden mit einem Dank an Löw, dem Team „alles Gute“. Es gebe keine Notwendigkeit, davon zu sprechen, „das ist jetzt das Ende von Jérôme in der Nationalmannschaft“, betonte Bayern-Coach Kovac.

Kurz zuvor hatte der 30-jährige Boateng in einem Doppel-Interview mit Herbert Grönemeyer mit Aussagen zu rassistischen Anfeindungen gegen ihn besonders in seiner Zeit als Jugendspieler für Aufsehen gesorgt. „Bei manchen Spielen in Marzahn oder in Leipzig haben die Eltern von Spielern anderer Teams uns bespuckt. Dabei waren manche von uns gerade mal zehn Jahre alt“, berichtete Boateng in seinem eigenen neuen Lifestyle-Magazin „Boa“. Seine Töchter würde er in bestimmte Berliner Stadtteile nicht gehen lassen. Bei einem Pokalspiel in der Hauptstadt habe der Vater eines Gegenspielers ihn „die ganze Zeit beleidigt und seinem Sohn zugerufen: ‘Mach den fertig, den Scheiß-Nigger’. Irgendwann hab ich angefangen zu heulen“, erzählte Boateng.

Zum Jahresabschluss rückt wieder der 22 Jahre alte Jonathan Tah als Boateng-Ersatzmann in Löws Aufgebot. Schon im Oktober war der Leverkusener eingesprungen, nach dem sich Boateng mit muskulären Problemen gequält hatte.

Neben Boateng fehlen auch Ilkay Gündogan (Fitness-Rückstand), Ersatztorwart Marc-André ter Stegen (Schulterprobleme) und Emre Can (Erkrankung). Toni Kroos wird gegen Russland nicht dabei sein und zum Pflichtspiel gegen Holland zum Team stoßen. „Ich hatte nach der WM mehrere Gespräche mit Toni und weiß, dass er seit Jahren unglaublich beansprucht ist“, erklärte Löw die Teilzeit für Kroos. Neulinge holte der Bundestrainer diesmal keine. Prominenter Rückkehrer ist Marco Reus, der im Oktober fehlte.