Nationalmannschaft

Analyse Toni Kroos untermauert seinen Führungsanspruch im DFB-Team mit einem starken Auftritt

Der Unentbehrliche

Archivartikel

Mönchengladbach.Toni Kroos grinste zu nächtlicher Stunde leicht amüsiert. Nach dem 4:0-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Weißrussland wollte ein Journalist von ihm wissen, ob er sich mit seinem starken Auftritt und zwei Toren denn einen Platz im EM-Aufgebot gesichert habe. „Ich hoffe“, antwortete der 29-Jährige – und dachte sich wohl seinen Teil.

Die Frage war natürlich überflüssig. Kroos besitzt im DFB-Team einen Stellenwert, der ihn von den üblichen Kategorien wie der Tagesform befreit. Bundestrainer Joachim Löw hat den 29-Jährigen zum Anführer seiner jungen Mannschaft erkoren, zum Fixpunkt, an dessen Erfahrung und Klasse sich all die hoffnungsvollen Talente auf dem Platz orientieren sollen. Der dreifache Champions-League-Gewinner mit Real Madrid bekommt deshalb auch Sonderrechte gewährt, wie seine Regenerationspause bei den Länderspielen im Juni. Mats Hummels, Sami Khedira, Jerome Boateng oder Thomas Müller hielt Löw nach dem WM-Fiasko von Russland für entbehrlich, Kroos nicht. „Toni führt die Mannschaft an. Er macht das auch neben dem Spielfeld wirklich sehr gut. Toni ist ein Vorbild in seiner ganzen Art und Weise, wie er diesen Beruf sieht“, sagte Löw, nachdem die EM-Qualifikation durch das parallele 0:0 zwischen Nordirland und den Niederlanden perfekt war.

Chance für Amiri am Dienstag?

Kroos, neben Kapitän Manuel Neuer und Matthias Ginter der letzte übrig gebliebene Weltmeister im umgekrempelten deutschem Team wird – sofern er sich nicht verletzt – beim Turnier im kommenden Sommer sicher dabei sein. Es dürfte nach zwei gescheiterten Versuchen seine letzte Chance auf den EM-Titel sein. „Ich persönlich erwarte das von mir. Es ist nun mal so, dass es verschiedene Bereiche gibt und das in jedem Bereich einer vorneweg geht“, sagte der gebürtige Mecklenburger in Gladbach zu seiner Führungsrolle.

Obwohl im abschließenden Qualifikationsspiel gegen Nordirland am Dienstag (20.45 Uhr/RTL) mit einem Sieg gegen Nordirland der nun wieder mögliche Platz 1 in Gruppe C gesichert werden soll, gehen Löws Gedanken längst in Richtung 2020. Mit welchem Personal will er das paneuropäische Turnier angehen?

Das Länderspieljahr 2019 war geprägt von etlichen personellen Rückschlägen wie den schweren Verletzungen von Leroy Sané oder Niklas Süle, die die Pläne des Bundestrainers durchkreuzten, laut denen sich ein Stamm herausbilden und einspielen sollte. Vor allem in der Defensive hat sich die Situation zugespitzt, zumal sich auch Chelsea-Legionär Antonio Rüdiger mit hartnäckigen Verletzungsproblemen herumschlägt. Ginter, Jonathan Tah, Niklas Stark, Robin Koch, vielleicht Emre Can – das klingt nicht gerade nach der benötigten internationalen Klasse auf der einstigen deutschen Paradeposition Innenverteidiger. Sollten Rüdiger und Süle nicht rechtzeitig fit werden, dürften die Rufe nach einer von Löw bisher ausgeschlossenen Reaktivierung des erfahrenen Hummels lauter werden.

„Der personelle Rahmen steht“, sagte der DFB-Coach in Mönchengladbach, fügte aber auch hinzu: „Die Tür ist natürlich immer auf. Es gibt immer mal wieder Spieler, die eine absolute Leistungsexplosion haben.“ Der 59-Jährige muss dabei berücksichtigen, dass neben Rüdiger, Süle und Sané auch Julian Draxler, Thilo Kehrer sowie die gegen die Weißrussen verletzten Hoffnungsträger Kai Havertz und Marco Reus in den 24er-Kader für die EM drängen. Für einige, die zuletzt ins Nationalteam berufen wurden, dürfte die Luft da sehr dünn werden. Für Hoffenheims Sebastian Rudy zum Beispiel, oder den Kölner Jonas Hector, und auch für den aus Ludwigshafen stammenden Leverkusener Nadiem Amiri, der im offensiven Mittelfeld große Konkurrenz hat.

Der 22-Jährige aus der Waldhof-Jugend könnte aber im Duell gegen die Nordiren noch einmal die Gelegenheit bekommen, sich zu zeigen. „Ich glaube, dass ich schon den einen oder anderen Wechsel vornehmen werde“, kündigte der Bundestrainer an.

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