Nationalmannschaft

Fußball Harald Lange fordert, Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen / Oliver Bierhoff hatte schlechte Stimmung gegenüber der Nationalmannschaft beklagt

Fanforscher warnt vor „Ent-Emotionalisierung“

Archivartikel

Würzburg.Fanforscher Harald Lange sieht die Fans immer weiter vom Profifußball wegrücken. „Die Ent-Emotionalisierung findet schon seit Monaten statt und schreitet in sehr großen Schritten voran“, sagte der Sportwissenschaftler der Universität Würzburg und Gründer des Instituts für Fankultur in einem Interview der Zeitungen der VRM-Gruppe. „Die Emotionalität, die Leidenschaft und vor allem die Bindung der Fans ist die Basis des modernen Profifußballs. Und wenn die wegbricht, dann gibt es da auch nichts mehr zu verdienen, dann brechen Sponsoren und Fernsehgelder weg“, prophezeite er.

Lange sieht bei dieser Entwicklung den Deutschen Fußball-Bund und die Deutsche Fußball Liga in der Pflicht. „Der Fußball muss sich jetzt so organisieren, dass er hinterher wieder eine Identifikationsmöglichkeit bietet, dass jeder sagen kann: Das ist mein Sport, da stehe ich voll dahinter. Das war die harte Währung des deutschen Fußballs in den letzten Jahren, die ganz viele Euro und Dollar in die Kassen gespült hat“, erklärte der 52-Jährige. Die Führungsriege des DFB und der DFL denke immer noch, dass der Fußball an sich ein Erfolgsprodukt ist und dass das immer so weiter geht, auch ohne die Fans einzubeziehen. In der Taskforce „Zukunft Profifußball“ der DFL arbeiten jedoch auch Vertreter von Fanorganisationen in den Arbeitsgruppen mit.

Rückläufige Kartennachfrage

Lange verwies darauf, dass zum Saisonbeginn in vielen Stadien selbst die vorhandenen knappen Ticketkontingente nicht verkauft wurden. „Das war nicht zu erwarten. Und man merkt es an der Kommunikation in den Sozialen Netzwerken: Die Kommentare klingen genervt und resigniert. Die Gruppe derer, die emotional stark gebunden ist, wird immer kleiner, weil man von dem ganzen System mehr und mehr enttäuscht ist. Hier fungiert die Pandemie sozusagen als Brandbeschleuniger“, sagte er.

Zuvor hatte DFB-Direktor Oliver Bierhoff die schlechte Stimmung rund um die junge deutsche Nationalmannschaft beklagt. Er sprach die aus seiner Sicht falsche „Tonalität“ an und forderte die Rückkehr zu einem „positiven Spirit“. Zudem warb er für mehr Vertrauen und Zeit für den noch nicht abgeschlossenen Umbruch nach der verpatzten WM 2018. Er verglich die aktuelle Auswahl, in der nach der Absage von Kimmich alle außer den Ex-Weltmeistern Toni Kroos (100) und Manuel Neuer (94) noch keine 40 Länderspiele absolviert haben, mit eigenen Kindern. Man wolle ihnen im Lebenslauf jede Schwierigkeit ersparen. „Aber eigentlich musst du ihnen Schwierigkeiten wünschen, sonst können sie nicht wachsen“, sprach Bierhoff metaphorisch. Dennoch sollte künftig der öffentliche Fokus darauf liegen: „Was wird erreicht – und nicht, was wird nicht erreicht.“

Nahezu unvermeidlich bezog Bierhoff auch Stellung zur Dauerdebatte um eine Rückkehr von Hummels, Boateng und Müller. Dabei brachte er einen anderen Aspekt ins Spiel: „Wenn du so verdiente Nationalspieler zurückholst, musst du einen gewissen Umgang voraussetzen. Diese Spieler wären dann natürlich gesetzt.“ Der 52-Jährige erinnerte an die Rückholaktion von Kapitän Lothar Matthäus zur WM 1998 durch Bundestrainer Berti Vogts. So was mache etwas mit einer Gruppe, mahnte Bierhoff, „weil das Alpha-Tiere sind“. Bierhoffs Schlussfolgerung lautet: „Kein Handlungsbedarf“. dpa