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Fußball Nach der geschafften WM-Qualifikation plant Bundestrainer Joachim Löw das Projekt Titelverteidigung

Große Feier erst in Russland

Archivartikel

Belfast.Als das nächste Etappenziel bei der ambitionierten Aufgabe WM-Titelverteidigung erreicht war, blieb Joachim Löw streng. Nach dem 3:1 (2:0)-Erfolg in Nordirland, mit dem die Qualifikation für das Weltturnier im kommenden Sommer in Russland nun auch rechnerisch sichergestellt war, erteilte der Bundestrainer seinen Spielern ein Feierverbot. Bettruhe und Regeneration war angesagt statt ein paar Pints in der Belfaster Innenstadt zu trinken, in der die Pubs nach dem großen Duell mit dem Weltmeister noch bis tief in die Nacht pulsierten. "Jetzt zu feiern wäre nicht professionell. Wir haben am Sonntag ein Spiel in Kaiserslautern gegen Aserbaidschan vor mindestens 30 000 Fans. Da wollen wir mit einem Sieg nachlegen", sagte der Südbadener. Das Ziel sei, mit zehn Erfolgen aus zehn Spielen die erfolgreichste Qualifikation in der DFB-Historie zu schaffen.

Löw, der fokussierte Rekordjäger. Nach dem überaus souverän herausgespielten Erfolg beim vermeintlichen Verfolger in Qualifikationsgruppe C, der trotz etlicher Ausfälle von Stammspielern schon nach den frühen Toren von Sebastian Rudy (2.) und Sandro Wagner (21.) nur noch auf Schadensbegrenzung aus war, ging der Blick des Bundestrainers voraus. Das erfolgreich gelöste WM-Ticket? In Löws Augen nur eine Pflichtübung: "Es ist ein Grund, sich zu freuen, das tun wir auch. Aber wir sind auch vor dem Spiel davon ausgegangen, dass wir das schaffen."

WM-Feinschliff in Südtirol

Im Hintergrund liefen die Planungen für den kommenden russischen Sommer schon länger, jetzt werden sie festgezurrt. Am 10. November tritt das DFB-Team bei Erzrivale England in Wembley an, am 14. November kommt mit Frankreich einer der potenziell gefährlichsten Herausforderer nach Köln. Abgerundet wird das anspruchsvolle Testspielprogramm vor der WM durch Duelle mit Spanien (in Düsseldorf) und Brasilien (in Berlin) im März 2018. "Das sind natürlich Mannschaften, die auf starkem Niveau agieren. Da wird sicher einiges gefordert sein", meinte Löw, der seinem Team wieder in einem Vorbereitungstrainingslager in Südtirol im Mai den Feinschliff fürs Turnier verpassen will. Bei der Quartiersuche in Russland gebe es "zwei, drei Optionen". Nach Informationen dieser Zeitung präferiert der Bundestrainer das warme Sotschi am Schwarzen Meer, wo der DFB allerdings noch einen eigenen Trainingsplatz bauen müsste. "Ich tendiere dazu, dass wir die Auslosung am 1. Dezember abwarten und dann eine Entscheidung treffen. Spätestens dann wissen wir, welcher Weg im Turnier für uns wahrscheinlich ist", sagte der Bundestrainer. Die Alternative zu Sotschi wäre ein Quartier im Großraum Moskau.

Dass die deutsche Auswahl die Reise in den Osten als Mit-, wenn nicht sogar Topfavorit antritt, postulierte auch der nordirische Trainer Michael O'Neill, der hofft, sich mit seinem Team noch über den Umweg Play-offs zu qualifizieren. "Deutschland wird das Team sein, das es in Russland zu schlagen gilt. Ich halte sie für noch stärker als 2014", sagte der Coach in Belfast, nachdem Josh Magennis' Ehrentreffer in der Nachspielzeit nach Joshua Kimmichs 3:0 (86.) das Ergebnis erträglich gestaltet hatte. Mit dieser Rolle kann sich Löw insgeheim arrangieren, auch wenn er in Belfast noch einmal daran erinnerte, dass die Personaldecke auf einigen Positionen weiterhin dünn sei. "Auf der Position des Außenverteidigers haben wir nur Joshua Kimmich, der immer auf ganz hohem Niveau spielt. Auch im Sturm fällt immer mal wieder einer durch Verletzung aus", betonte der DFB-Cheftrainer.

Ein Angreifer, der sich in Abwesenheit von Timo Werner und Mario Gomez mit einem couragierten Auftritt ins Gedächtnis rief, ist der Hoffenheimer Sandro Wagner. Manager Oliver Bierhoff habe ihm vor der Partie gesagt, er solle seine Quote von einem Tor pro Länderspiel halten, erzählte der Spätberufene: "Daran habe ich mich gehalten, es war also ein guter Abend für mich." Zu seinen WM-Chancen äußerte sich der 29-Jährige nur ausweichend. "Wenn ich eingeladen werde, ist es super. Wenn nicht, ist es auch okay. Ich bin nicht in einem Riesenverein, in dem ich Riesenansprüche in der Nationalmannschaft stellen kann", erklärte der TSG-Profi - und verschwand auf sein Zimmer im Teamhotel. Gefeiert werden durfte ja nicht.

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