Nationalmannschaft

Fußball Bayern-Star kritisiert den Bundestrainer nach seiner Ausmusterung und beklagt mangelnde Wertschätzung

Müller keilt öffentlich gegen Löw

Archivartikel

Berlin.Thomas Müller ist „einfach sauer“, der FC Bayern spricht von „fragwürdigen“ Umständen: Joachim Löws radikaler Streichkurs sowie die Art und Weise seiner Personalpolitik sind auf heftige Kritik gestoßen. „Kein Verständnis habe ich vor allem für diese suggerierte Endgültigkeit der Entscheidung“, sagte Müller gestern auf einem bei Instagram verbreiteten Video. „Mats, Jérôme und ich sind immer noch in der Lage, auf Topniveau Fußball zu spielen.“ Er sei „perplex“ gewesen vom plötzlichen Aus im DFB-Team.

Ein Bundestrainer müsse sportliche Entscheidungen treffen, erklärte ein kämpferischer Müller mit einem Tag Abstand. „Das stelle ich auch überhaupt nicht infrage. „Allerdings: Je länger ich drüber nachdenke, macht mich die Art und Weise, wie das Ganze abgelaufen ist, einfach sauer“, sagte Müller. Wenn nach einem langen und erfolgreichen gemeinsamen Weg der DFB sofort nach Löws unangekündigtem Besuch bei den Bayern-Spielern vorgefertigte Statements verteilt hat, „dann ist das aus meiner Sicht kein guter Stil und hat mit Wertschätzung auch nichts zu tun“, beschwerte sich der 100-malige Nationalspieler.

Eine neue Konsequenz

Ab sofort muss sich der Bundestrainer an seiner eigenen neuen Konsequenz messen lassen. Müller bedankte sich bei den Fans und versprach eine Trotzreaktion in seinem Club: „Wer mich kennt, der weiß, ich bin ein Kämpfer“, sagte der 29-Jährige: „In dem Sinne möchte ich euch sagen: Das Spiel ist noch nicht aus.“

Wenn der Bundestrainer am Ende der kommenden Woche seinen Kader für den Länderspiel-Auftakt 2019 beruft, wird vieles anders sein. „2019 ist für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft das Jahr des Neubeginns“, sagte Löw als grundlegende Erklärung für seine harte Entscheidung. Auch für die verbliebenen Rio-Helden um Kapitän Manuel Neuer und Real-Madrid-Star Toni Kroos dürfte die Zeit der Freibriefe und Einsatz-Garantien vorbei sein.

Innerhalb weniger Monate hat der Weltmeister-Coach von 2014 seinen Kurs radikal verändert. Noch im Herbst nach dem WM-Desaster in Russland hatte Löw die langjährigen Begleiter Müller und Hummels als Stützen für den Neuaufbau bezeichnet. Neuer machte er noch kurz vor Weihnachten zur Nummer 1 bis zur EM-Endrunde 2020. Kroos bekam für das Testspiel gegen Russland eine Auszeit.

Löws Veränderungen mit dem Datumsstempel März 2019 kennen keine Helden mehr. Die Stammplatz-Garantie für Neuer im Zweikampf mit dem starken FC-Barcelona-Keeper Marc-André ter Stegen hat er bereits zurückgenommen: Beim Neubeginn „wird auch der Marc seine Chancen bekommen“. Konsequent wäre dann nur, wenn auch seit Monaten schwächelnde Kräfte wie Sebastian Rudy (Schalke 04) oder der nur in Liga zwei geforderte Jonas Hector (1. FC Köln) erst einmal raus sind.

In „fünf, sechs Jahren“ soll der deutsche Fußball wieder zurück in der Weltspitze sein, „wo er hingehört“, betonte jüngst DFB-Direktor Oliver Bierhoff, der die Entwicklung ganz nah an Löws Seite begleiten will. Fußball-Deutschland staunt und diskutiert über den neuen, konsequenten Löw. Oft in seinen fast 13 Jahren als Bundestrainer hatte der Schwarzwälder harte Entscheidungen vor sich hergeschoben und an verdienten Spielern wie Lukas Podolski lange festgehalten.

Auf dem Weg zur EM 2020 soll es nun eine neue Generation richten. Für die Innenverteidigung, die nicht nur im gewonnenen WM-Finale 2014 in Rio de Janeiro Hummels und Boateng gebildet hatten, ist der Münchner Niklas Süle erste Wahl. Antonio Rüdiger, Thilo Kehrer, Matthias Ginter und Jonathan Tah sind zudem Kandidaten für diese Position. Für Müller (29) hatte bei Löw zuletzt schon Bayern-Kollege Serge Gnabry (23) gespielt. Der Münchner gehört wie die Leverkusener Julian Brandt und Kai Havertz, Manchester-City-Jungstar Leroy Sané sowie Timo Werner zu den neuen Offensiv-Hoffnungen im DFB-Team.