Nationalmannschaft

Fußball Nach 8:0 gegen Estland macht sich bei der DFB-Elf dezente Aufbruchstimmung breit / Standortbestimmungen im September

Optimismus ist zurück

Mainz.Auf der Ehrentribüne stellte sich irgendwann eine leichte Jubelmüdigkeit ein. Das 7:0 durch Timo Werner nahmen DFB-Manager Oliver Bierhoff, EM-Botschafter Philipp Lahm und Ex-Nationalspielerin Célia Sasic nur noch eher reserviert zur Kenntnis, nachdem sie zuvor bei jedem deutschen Treffer gemeinsam aufgesprungen waren. Zu schwach hatte sich Estland, der überforderte Gegner an diesem Abend in der Mainzer Arena präsentiert, als dass der 8:0 (5:0)-Kantersieg den Blick auf die Realität hätte trüben können.

„Wir müssen auf dem Boden bleiben. Wir wissen schon, dass Estland und Weißrussland nicht unsere Gradmesser sind“, sagte Doppeltorschütze Marco Reus nach dem dritten Sieg im dritten EM-Qualifikationsspiel, durch den die DFB-Elf ein weitestgehend verkorkstes Länderspiel-Jahr zu einem versöhnlichen Ende brachte.

Das Gefühl von Weltuntergang nach der Vorrunden-Blamage als Titelverteidiger bei der WM in Russland und dem darauffolgenden Abstieg in der Nations League hat sich in eine dezente Aufbruchstimmung verwandelt – der Stimmungsumschwung ist vollbracht, der Optimismus zurück rund um die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. „Die Mannschaft sprüht vor Energie. Sie ist gewillt, Siege einzufahren und mit Leidenschaft zu spielen“, sagte Löw-Assistent Marcus Sorg, der in Vertretung des nach einem Sportunfall außer Gefecht gesetzten DFB-Chefcoachs zum erfolgreichsten Teilzeit-Bundestrainer der Geschichte aufstieg – zwei Spiele, zwei Siege, 10:0 Tore.

Gewinner Gündogan

Der frühere Regionalliga-Stürmer des VfR Mannheim genoss zwar den Moment, wollte aber aus seinem erfolgreichen Intermezzo in der Verantwortung keinerlei Ansprüche ableiten. „Der Bundestrainer ist hier derjenige, der vorangeht, an dem sich alle orientieren und festhalten. Deshalb sind alle froh, wenn er bald wieder gesund wird und bei uns sein wird“, meinte Sorg in Mainz.

Die Ausgangslage für Joachim Löw hat sein Co-Trainer aber noch einmal erheblich verbessert, vor allem atmosphärisch. Die Stimmung in Mainz erinnerte schon wieder an alte Weltmeister-Zeiten. „Es ist extrem schön, gerade durch die negativen Ereignisse im letzten Sommer. Das tut extrem gut, nicht nur mir. Wir hatten alle eine extrem schwierige Zeit im DFB-Trikot im letzten Jahr“, sagte Ilkay Gündogan, einer der großen Gewinner des angestoßenen Umbruchs.

Der Profi des britischen Meisters Manchester City ist neben Joshua Kimmich zur prägenden Figur im zentralen Mittelfeld aufgestiegen – dass das Fehlen des angeschlagenen Toni Kroos in Mainz nicht thematisiert wurde, spricht für Gündogans gestiegenen Stellenwert. Fast vergessen ist die kleine Staatsaffäre um die Bilder mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan im Mai 2018, die Kollege Mesut Özil letztlich in den Rücktritt aus der DFB-Elf trieb. „Wenn wir die Mischung hinbekommen mit den älteren und jüngeren Spielern, wenn wir unsere Qualität zusammen mit dieser Leidenschaft auf den Platz bringen, werden wir noch sehr viel Spaß haben: Dann kann wieder ein gutes Team entstehen“, sagte Kimmich nach dem Tor-Festival gegen desolate Esten, die an diesem Abend wahrscheinlich auch gegen die Regionalliga-Truppe von Mainz 05 verloren hätten.

Dennoch: Löw kann bei seiner Rückkehr zum Länderspiel-Doppelpack gegen die Niederlande in Hamburg (6. September) und drei Tage später beim aktuellen Qualifikationsgruppen-Tabellenführer Nordirland (vier Spiele, vier Siege) in Belfast wieder auf ein gefestigteres Fundament aufbauen. „Da werden wir sehen, wo wir stehen“, meinte Kimmich.

Abwehrchef Süle

Die neue DFB-Elf ist dabei, sich zu finden. Die Abwehr hat im früheren Hoffenheimer Niklas Süle einen neuen Chef gefunden, im Mittelfeld hat Löw mit Kimmich, Gündogan, Kroos sowie den in die Startelf drängenden Leon Goretzka und Kai Havertz reichlich Auswahl, im Angriff hat sich der lange verschmähte Leroy Sané neben dem neuen Anführer Reus und Serge Gnabry mittlerweile festgespielt. Es besteht also Anlass zur Hoffnung, dass die DFB-Oberen auf der Ehrentribüne weiter viel Grund zum Jubeln haben werden.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/dfb-elf

Zum Thema