Nationalmannschaft

Fußball Experten fordern härtere Maßnahmen und mehr Gemeinschaftsgeist im Kampf gegen Rassismus in Stadien

Problem ist größer geworden

Archivartikel

Berlin.„Wann immer Leroy Sané am Ball war, war vom Neger die Rede. Gündogan war auf einmal der Türke (...) Immer wieder Neger, Neger, Neger“. Journalist André Voigt (46) ringt sichtlich mit der Fassung, als er über die verbalen Beschimpfungen von drei Zuschauern gegen deutsche Nationalspieler während des Länderspiels gegen Serbien berichtet. Genau ein Jahr ist seit der Partie vergangen, die Voigt live als Zuschauer im Stadion verfolgt und anschließend in diesem viel beachteten Internet-Video kommentierte. Auch heute ist Rassismus im Fußball noch ein sehr großes Problem. Was tut der Deutsche Fuball-Bund dagegen? Was ist die Rolle der Fans sowie der Zivilgesellschaft? Und wo stockt der Kampf gegen Rassismus?

In den 1980er und 90er Jahren hätten Bananenwürfe und Affenlaute noch zur Normalität in den Stadien gehört, sagt Rechtsextremismusforscher Robert Claus. „Zuschauer haben mit Plastiktüten gewedelt, um anzudeuten, dass Ausländer arm seien. Dank vieler Ultraszenen gibt es solche Szenen heute kaum noch“, sagt er.

Unverständnis über Richterspruch

Rund um Spiele der Nationalmannschaft ist Rassismus aus seiner Sicht hingegen ein größeres Problem. Hier gebe es keine Ultra-Kultur, die dem Thema meist kritisch gegenüberstehe. „Was es stattdessen gibt, ist ein relativ fester Kreis von rund 200 rechten Hooligans, die je nach Spielanlass mit der Nationalmannschaft fahren“, sagt Claus. Ohne die Ultra-Kultur wie in der Bundesliga fehle jedoch das kritische Gegengewicht zu den Hools.

Doch auch im Liga-Betrieb gibt es Anfeindungen: Zuletzt sorgte Mitte Februar das Drittligaspiel zwischen Preußen Münster und den Würzburger Kickers für Aufsehen, weil Würzburgs Leroy Kwadwo von einem Zuschauer mit Affenlauten attackiert wurde. Kurz zuvor war Hertha-Profi Jordan Torunarigha beim DFB-Pokal-Spiel auf Schalke rassistisch beleidigt worden. Nachdem die B-Junioren der Berliner während einer Partie Rassismusvorwürfe äußerten und vom Platz gingen, wird das Spiel für sie als verloren gewertet.

Als der deutsche Nationalverteidiger Antonio Rüdiger vom FC Chelsea in England mit Affenlauten diffamiert wird, habe er sich gefühlt, „als wäre ich kein Mensch, als wäre ich ein Tier“. In einem „Spiegel“-Interview forderte er harte Strafen gegen die Täter, die diesen richtig weht tun.

Nach den Beleidigungen gegen Gündogan und Sané blieben zwei der drei Beschuldigten straffrei. Nach Angaben des Amtsgerichts Braunschweig erhielt ein Dritter eine Geldstrafe von 2400 Euro, er hatte „Heil Hitler“ skandiert. Es sei bemerkenswert, dass kaum etwas passiert sei, sagt Voigt. Dass diese Aussagen keine Volksverhetzung gewesen seien, widerspreche seinem Rechtsempfinden.

Kritik am Drei-Stufen-Plan

Aus Sicht des DFB-Integrationsbeauftragten Cacau ist „das Problem Rassismus im Fußball größer geworden.“ Zahlen, die das belegen würden, gibt es allerdings nicht. „Ein großes Problem im deutschen Profifußball ist, dass wir kein zentrales Register haben, in dem rassistische Vorfälle erfasst werden“, sagt Claus.

Um Rassismus aus den Stadien zu verbannen, müssen laut Cacau Sofortmaßnahmen greifen und Täter schnell bestraft werden. Gemäß des Drei-Stufen-Plans des Weltverbands FIFA kann der Schiedsrichter das Spiel zunächst unterbrechen und letztendlich abbrechen. Einigen Beobachtern genügt dieser Drei-Stufen-Plan nicht. Damit könnten rassistische Vorfälle „immer noch zweimal passieren und es wird trotzdem nicht abgebrochen“, kritisiert Voigt.

Erschwerend kommt hinzu, dass das Verhältnis zwischen Verband und vielen organisierten Fans zerrüttet ist. Der Grund: Themen wie Kollektivstrafen oder die 50+1-Regel. „Es kann sich durchaus eine radikalisierende Wirkung in Fanszenen entwickeln, wenn Fußballfans das Gefühl bekommen, keine Teilhabemöglichkeit an ihrem Sport oder ihrem Club zu haben und nur bevormundet werden.“

Man könne nie zu 100 Prozent ausschließen, dass es rassistische Vorfälle in den Stadien geben werde, sagt Cacau. „Denn der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. In unserer gesamten Gesellschaft sind rechtsextreme Positionen heute verbreiteter als noch vor zehn Jahren“.

Um dem zu begegnen, ist laut Cacau nicht nur im Profibereich, sondern auch in den unteren Ligen eine engere Zusammenarbeit vorgesehen. „Der DFB-Masterplan schreibt vor, dass alle Landesverbände eine Anlaufstelle einrichten, wo Betroffene Gewalt- und Diskriminierungsfälle melden und aufarbeiten können.“ dpa