Nationalmannschaft

Fußball Medienberichte führen Lagerbildung innerhalb der DFB-Elf als Grund für WM-Debakel an

Risse in Russland

Archivartikel

München.„Kanaken“ gegen „Kartoffeln“? Spieler mit Migrationshintergrund gegen jene ohne ausländische Vorfahren? Joachim Löw stellt mit seinem Stab in München den Kader für den Neustart nach dem WM-Desaster zusammen und wird zum Start des 48-Stunden-Meetings mit einem angeblichen kulturellen Riss in der Nationalmannschaft konfrontiert, der auch bei der WM die Stimmung getrübt haben soll.

„’Kanaken’-Spaltung im WM-Team“ titelte die „Bild“-Zeitung gestern und griff dabei in einem seltenen medialen Zusammenspiel einen Aspekt aus dem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ auf. Auch weil Löw aus seiner WM-Analyse bis zum Mittwoch für die Öffentlichkeit weiter ein großes Geheimnis macht, geht in den Medien die spekulative Spurensuche nach den Gründen für den WM-K.o. unvermindert weiter.

Merkel kritisiert Özil-Debatte

Das Thema Teamgeist ist für Löw unabhängig des Wahrheits- oder Relevanzgehaltes der aktuellen Schlagzeilen von Bedeutung. „Wir wissen, dass wir uns in Zukunft dem Thema intensiv widmen müssen. Auf jeden Fall werden wir alles dafür tun, dass wir wieder ein echtes Team werden“, sagte Oliver Bierhoff, passenderweise Teammanager der DFB-Auswahl,. Verbandschef Reinhard Grindel kündigte an, vor den Länderspielen gegen Frankreich (6. September) und Peru (9. September) mit dem Mannschaftsrat sprechen zu wollen.

Der vermeintliche Riss im Team läuft angeblich zwischen Akteuren wie Jérôme Boateng, Antonio Rüdiger, dem nicht zur WM mitgenommenen Leroy Sané, dem in Rage zurückgetretenen Mesut Özil, aber auch Julian Draxler, die durch extravagante Kleidung und ihre Liebe zur Rap-Musik auffallen und den eher konservativ auftretenden Bajuwaren um Mats Hummels und Thomas Müller. Offenbar geht es mehr um Lebensstil als um die Herkunft, auch wenn die Schlagzeilen anders zugespitzt werden.

„Natürlich gab es hier oder da mal einige Witze über gewisse Instagram-Postings. Das war aber jederzeit immer nur als Spaß zu verstehen und hatte definitiv auch nichts mit Rassismus zu tun“, sagte Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan, der seine Karriere in der Nationalmannschaft fortsetzen möchte, in einem Interview der Funke-Mediengruppe.

Nach der sommerlichen Dauerdebatte um die Erdogan-Fotos von Özil und Gündogan, zu der sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem ARD-Sommerinterview am Wochenende befragt wurde, geht es beim Nationalteam schon wieder um die gesellschaftlich brisante Frage, was es heißt, ein deutscher Fußball-Nationalspieler zu sein.

„Man kann unterschiedlicher Meinung sein, ob das mit dem Foto richtig oder falsch war, aber die Diskussion und die Art der Diskussion, die sich hinterher angeschlossen hat, die hat mir zum Teil überhaupt nicht gefallen, und da habe ich mich auch sehr darauf ausgerichtet“, sagte Merkel und sprach damit womöglich auch Löw, der sich zur Causa Özil immer noch nicht öffentlich äußerte, aus dem Herzen.

DFB-Chef Grindel hingegen dürfte die Worte seiner CDU-Parteikollegin auch als Kritik an seinem Umgang mit dem komplexen Thema verstehen. „Wir müssen uns um das Empfinden derjenigen, die betroffen sind, kümmern. Wenn uns jemand mit Migrationshintergrund, ob das jetzt Özil ist oder jemand anderes ist, sagt, ich fühle mich nicht richtig behandelt in dieser Gesellschaft, dann muss ich es zumindest ernst nehmen und mich darüber unterhalten“, sagte die Kanzlerin. dpa