Nationaltheater

„Eine Befreiung von Rollenbildern“

Sandra Strunz über ihren NTM-Abend „Späte Familie“

Es geht um eine Frau, deren Ehe dramatisch scheitert. Doch für Ella eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten – sie verliebt sich und lebt ein selbstbestimmtes Leben. Das Stück nach dem Roman der israelischen Autorin Zeruya Shalev hat am 12. September Premiere im NTM – Fragen an die Regisseurin.

Frau Strunz, „Späte Familie“ ist die Emanzipationsgeschichte von Ella. Es überrascht, dass in der Ankündigung Ihres Abends die Wörter Gleichstellung, Feminismus und Selbstbestimmung nicht fallen. Warum nicht?

Sandra Strunz: Der Begriff Emanzipationsgeschichte ist in dem Roman weiter gefasst, als die feministische Debatte meint. Es ist eine Art Befreiung von Ella nicht nur aus patriarchalen Strukturen, sondern auch eine Befreiung von ihrer eigenen inneren Destruktivität, eine Befreiung von ihrer eigenen Opferhaltung und Vergangenheit. Es geht also mehr um eine Befreiung von eigenen Rollenbildern und Vorstellungen, als nur um die explizite Befreiung des weiblichen Geschlechts. Die Nennung dieser Begriffe würde eine bestimmte Lesart des Abends implizieren, die ich nicht allein maßgeblich finde.

Der Abend ist Teil einer großen Trilogie. Wie gehen Sie szenisch damit um? Wie erzählen Sie?

Strunz: Wir versuchen, eine Art Archäologie der Beziehungen zu machen. Ausgrabungen, Schürfungen auf verschiedenen Ebenen. Formal heißt das, dass wir einen Film gedreht haben, der von Schauspielenden live synchronisiert wird. Daneben gibt es szenische Passagen, in denen Ella von Teilen des Ensembles verkörpert wird, mit schauspielerischen wie musikalischen oder tänzerischen Mitteln. Wie in einer Ausgrabung aus verschiedenen Fundstücken das Leben einer fernen Zeit rekonstruiert wird, kann jeder aus den Motiven sein individuelles Ella-Bild zusammensetzen, das sich möglicherweise von dem seiner Nachbarin völlig unterscheidet.

Welche Rolle spielt der Hintergrund Israel dabei?

Strunz: Die politische Dimension Israel spielt auch im Roman keine große Rolle. Wir erzählen nicht vor diesem Hintergrund, sondern allgemeingültig. 

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