Nationaltheater

Filmschätze Aufnahmen von der Tombola für den Neubau des Nationaltheaters aus den 1950er Jahren belegen großes Engagement der Mannheimer

Oberbürgermeister als Losverkäufer

Hunderte von Händen recken sich in die Höhe, reichen Münzen und Scheine, wollen unbedingt ein Los: Die Tombola für ein neues Nationaltheater – sie war ein Großereignis in den 1950er Jahren in der noch vom Krieg zerstörten Stadt. Aufnahmen davon zählen zu den historischen Filmschätzen des Marchivums, Mannheims Archiv. Weil sie nur mit Spendengeldern digitalisiert und damit für die nächsten Generationen gerettet werden können, stellen wir jeden Donnerstag an dieser Stelle einen Film vor.

Man sieht den im Krieg beschädigten, aber erst 1965 abgerissenen Turm des Alten Kaufhauses in N 1 mit Notdach. Reiter traben heran, kostümierte Akteure treten auf, der damalige Oberbürgermeister Hermann Heimerich verkauft Lose und ein Meer von Menschen bevölkert den Paradeplatz. „Scharenweise lockt die Tombola die Menschen an“, so Helen Heberer, Vorsitzende vom Freundeskreis Marchivum, die den Stummfilm vertont.

Fusion mit Heidelberg verworfen

Die Aufnahmen der Tombola sind Ausschnitte aus dem Film „Wandlung einer Stadt“ von Willi Behne. „Zum Filmemacher ist uns leider nichts bekannt, auch nicht zu welchem Zweck der Film in den Jahren 1947 bis 1962 entstand“, so Désirée Spuhler, zuständig für die audiovisuelle Sammlung beim Marchivum. Aber er „dokumentiert die zerstörte Innenstadt und den Wiederaufbau und ist daher ein bedeutender Film in unserer Sammlung“, belegt er doch auch den Kampf der Mannheimer um ihr Theater.

Das traditionsreiche Haus in B 3, von Kurfürst Carl Theodor initiiert, ist im Zweiten Weltkrieg den Bomben zum Opfer gefallen. Aber schon seit November 1945 spielt das Nationaltheater wieder – hauptsächlich im Kino „Schauburg“ in K 1, teils in Christuskirche, Rosengarten, Kunsthalle und Ufa-Palast (N 7,3).

Schon 1946 gründet der Stadtrat einen Theateraufbaufonds – doch der wird durch die Währungsreform 1948 weitgehend wertlos. Im August 1949 schlägt der gerade neu gewählte Hermann Heimerich daher vor, die Bühnen von Mannheim und Heidelberg zu fusionieren. Die Quadratestadt solle sich auf Oper konzentrieren und das Sprechtheater zugunsten von Heidelberg aufgeben. Doch ein Sturm der Entrüstung kommt auf, eine Protestaktion bringt binnen weniger Wochen 15 000 Unterschriften. Zugleich rufen bekannte Persönlichkeiten wie Florian Waldeck, Carl Reuther und Richard Böttger die Gesellschaft der Freunde des Nationaltheaters ins Leben – die Geburtsstunde des 1992 in „Freunde und Förderer“ umbenannten Vereins.

Im Februar 1952 fasst der Gemeinderat den Beschluss, am Goetheplatz ein neues Theater in der – noch von Kriegszerstörungen gezeichneten – Stadt zu errichten. „Dem ruhmreichen Nationaltheater wieder eine Wirkungsstätte zu geben, die seiner Leistung und Bedeutung würdig ist, liegt allen Mannheimer Bürgern am Herzen“, begrüßt Heimerich bei der Auftaktveranstaltung im gerade wieder eröffneten Musensaal des Rosengartens die Idee einer Tombola für das Theater.

Signal an die Landesregierung

Sie findet von April bis September 1952 mit zahlreichen Gewinnen, die viele Geschäfte spenden, statt. Auf dem Paradeplatz, noch von Trümmern umgeben, entsteht eigens dazu eine 100 Meter lange Schaufensterstraße mit hölzernen Buden (von Handwerkern gestiftet), wo die Gewinne präsentiert werden. An 100 Tagen werden 1,2 Millionen Lose verkauft, abzüglich der Steuern und Kosten bleiben 530 000 Mark übrig.

1956 folgt die nächste Tombola, bei der sich ein Zwölf-Zentner-Ochse am Spieß auf dem Paradeplatz dreht und die nun in nur 65 Tagen bei 1,36 Millionen verkauften Losen wieder eine runde halbe Million erbringt – „eine „stattliche Summe“ so Heberer in ihrem Text zum Film. Sie stellt nicht nur einen wichtigen Grundstock für den Bau dar, sondern auch ein Bekenntnis der Bürger und ein wichtiges Signal an die Landesregierung, die daraufhin zwei Millionen Mark gibt.

Zum Thema