Nationaltheater

Filmschätze Aufnahmen von Curt Oertel aus dem Jahr 1957 zeigen das gerade erst fertiggestellte Mannheimer Nationaltheater / Digitalisierung verbessert Bildqualität

Stolz auf einen besonderen Bau

Man hört, dass großer Stolz in der Stimme des Sprechers mitschwingt, sehr großer Stolz: Ein damals berühmter Regisseur hat sich 1957 einem ganz besonderen Ereignis gewidmet – dem gerade neu eröffneten Nationaltheater. Die Aufnahmen von Curt Oertel zählen zu den besonderen Filmschätzen im Marchivum, dem Mannheimer Archiv.

1890 geboren, ist er seit 1925 als Kameramann, später auch als Regisseur und Produzent in jener Zeit ein gefragter Mann. Bei Georg Wilhelm Pabsts Meisterwerk „Die freudlose Gasse“ (mit Werner Krauß, Asta Nielsen und Greta Garbo) wirkt er mit, auch an filmischen Sequenzen in der von Erwin Piscators Berliner Theater produzierten Uraufführung von Ernst Tollers Stück „Hoppla, wir leben!“ Nach dem Krieg, 1948, zählt Oertel zu den Mitinitiatoren der Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK).

1957, das Gebäude ist gerade fertig geworden, kommt er nach Mannheim. Unter Mitarbeit von Kurt Joachim Fischer (Drehbuchautor von „Wer fuhr den grauen Ford?“ und Gründungsdirektor der Filmwoche, des heutigen Internationalen Filmfestivals) sowie Claus Helmut Drese (Dramaturg am Nationaltheater und Herausgeber der Festschrift zur Neueröffnung) dreht und produziert er „Impressionen aus einem Theater – Ein Film von Curt Oertel über das Nationaltheater Mannheim“.

Er arbeitet schon, was damals eher unüblich ist, mit Luftaufnahmen. Man sieht das gerade fertiggestellte Gebäude von oben – mit nur einem Bühnenturm, nackten Betonwänden, noch ohne das Mosaik des Frankfurter Künstlers Hans Leistikow an der Westfassade, mit ganz jungen Bäumen und keinem einzigen parkenden Auto auf dem Goetheplatz. In den Innenaufnahmen werden das großzügige Foyer und hier besonders die „Barcelona-Sessel“ von Mies van der Rohe in den Mittelpunkt gestellt.

„Zwei Jahrhunderte großer deutscher Theatertradition – hier ist seine Geschichte“, wird das neue Haus vorgestellt. In nur 15 Monaten Bauzeit sei es entstanden, wobei „an dessen Errichtung und Vollendung die ganze Bürgerschaft Anteil hatte“, so der Sprecher.

Besonders hebt er die Unterteilung in ein großes und ein kleines Haus, den modernen Bau aus Glas und Beton hervor. Ausdrücklich widmet sich der Film der „weitgehenden Wandlungsfähigkeit“ des Schauspielhauses, die ja dann gerade bei Erwin Piscators Inszenierung der „Räuber“ in der Arenabühne zum Tragen kommt.

Deren Premiere ist am 13. Januar 1957 zur Eröffnung des Neubaus – und damit genau 175 Jahre nach der Uraufführung von Friedrich Schillers Drama am alten Nationaltheater in B 3. Für die Filmemacher ist es ein Beleg, dass das Mannheimer Theater, „gegründet im Geiste der Humanität und Toleranz“, weiter von diesem Geist getragen wird.

Dank der Spendenmittel, die durch die Aktion „Filmschätze retten“ eingegangen sind, konnten die Aufnahmen für die Nachwelt gerettet werden. Die Digitalisierung habe zudem „für eine wesentlich bessere Bildqualität gesorgt“, freut sich Désirée Spuhler, die beim Marchivum die Audiovisuelle Sammlung leitet.

Kulturdenkmal ersten Ranges

Der Film zeigt den Stolz einer Stadt auf einen Bau, der errichtet wird, als viele Mannheimer noch in Bunkern leben – und dennoch Spendengelder für „ihr“ Theater aufbringen. Als einer der ersten Bauten der Nachkriegszeit und exemplarisches Dokument für den Theaterbau der Nachkriegszeit steht es seit 1986 unter Denkmalschutz, seit 1996 als „Kulturdenkmal besonderer Bedeutung“ – der höchste Schutzstatus.

Architekt Gerhard Weber (1909 bis 1985), ein Schüler von Mies van der Rohe am Bauhaus und Mitarbeiter in dessen Berliner Büro, hat für das Nationaltheater und das Zuschauerhaus der Hamburger Staatsoper (1953-1955) bei der vierten Biennale in Sao Paulo 1957 den ersten Preis für Theaterbauten der Gegenwart erhalten.

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