Nationaltheater

Das Porträt Die israelische Autorin Sivan Ben Yishai wird Hausautorin am Nationaltheater und eröffnet die neue Schauspielsaison

Verlernen von Kunst und Geniekult

„mama‘. mama, mama, mama. ‚du bist dicht‘. mama. mama. ‚lass mich dir deine zähne geben, tu sie rein und dann schlaf, mama, du bist benebelt. es ist morgen, ich muss jetzt gehen. schlaf, mama’.“

So lässt Sivan Ben Yishai „Papa liebt dich“ ausklingen, ein Stück, das wirkt wie eine lange Textfläche, die, ähnlich wie in den Stücken Elfriede Jelineks, auf verschiedene Darstellerinnen verteilt wird. Es gehe, teilt ihre Lektorin beim Suhrkamp-Verlag mit, ihr immer auch um die Verhandlung zwischen Bühne und Publikum. Der Berliner „Tagesspiegel“ sah in der am Gorki-Theater gezeigten Uraufführungsproduktion ein Setting „mit potenziell unendlich vielen einschlagbaren Pfaden, Abzweigungs- und Verästelungsmöglichkeiten“. Sie reichten von der deutsch-israelischen Historie über jeweils zeittypische Frauen-Biografien – mit Grandezza zu dekonstruierende Stereotype inklusive – bis hin zur MeToo-inspirierten Kampfansage: „Deine Zeit ist vorbei, alter Mann“, soll das erfreulich energiegeladene Schauspielerinnen-Quintett gegen Ende geschmettert haben.

„Frauheim“ in Mannheim

All das ist ein Vorgeschmack darauf, was uns ab Herbst im Nationaltheater Mannheim (NTM) erwartet. Denn Sivan Ben Yishai, 1978 in Tel Aviv geboren und seit sieben Jahren in Berlin lebend, wird Hausautorin am Goetheplatz, mehr: Mit der Uraufführung eines neuen Stücks wird am 26. September die zweite Spielzeit von Intendant Christian Holtzhauer eröffnet. Außerdem gründet sie zusammen mit der Dramaturgie des Schauspiels sowie Leuten aus der Stadt das „Supranationaltheater Frauheim“, das sich, so das NTM, als Ideenraum, Begegnungsort und „soziale Plastik“ zugleich versteht. Es diene „der Auseinandersetzung mit den vielfältigen Formen der Kunst, mit Politik, Geschlecht, Herkunft, Sprache, Angst, Beruf und Berufung, Anpassung und Ungehorsam.“

Ihre Einladung als Hausautorin sieht Ben Yishai als eine Art „Aufruf zum ,unlearning’ “, also Verlernen. Darunter verstehe sie etwa auch das Verlernen „von Kunst und Autorschaft, Vätern und Überlegenheit“ oder das des Geniekults. Auf die durch Friedrich Schiller begründete Tradition der Hausautorenschaft am NTM angesprochen, antwortete sie auf Anfrage dieser Zeitung: Die desintegrative Stimme in ihr würde die Frage umkehren: „Was bedeutet es für das Publikum, eine jüdische, israelische Frau zu begrüßen, die für das Nationaltheater auf Englisch schreibt, und wie konzipieren wir zeitgenössische deutsche Literatur, Schriftsteller und Tradition?“

Ben Yishai folgt auf die aktuelle Hausautorin Enis Maci. Die Hausautorenschaften werden maßgeblich von den Freunden und Förderern des Nationaltheaters unterstützt.

Info: Mehr zur Autorin: sivanbenyishai.com