Neckarau

Rheinau In den 1950er Jahren unterhält der SC Pfingstberg Vereinskontakte nach Brandenburg / Abruptes Ende durch Mauerbau 1961

Als Sport Grenzen überwindet

Der Bau der Berliner Mauer, deren Fall vor 30 Jahren jetzt gefeiert wird, markierte das Ende menschlicher Begegnungen über die Zonengrenze hinweg. Davor gab es diese durchaus, gerade auf Vereinsebene. Ein Beispiel aus dem Mannheimer Süden bietet der Sport-Club Pfingstberg-Hochstätt. Ende der 1950er Jahre unterhält er intensive Kontakte zu einem Verein im Osten, in der Spreewald-Gemeinde Lübbenau. Also aus gegebenem Anlass nachfolgend ein Blick in die Vereinschronik.

Lübbenau, heute 15 000 Einwohner stark, liegt im Spreewald, 80 Kilometer vor Berlin. Damals besteht hier ein Sportverein namens BSG (Betriebssportgruppe) Lokomotive Lübbenau; Sparten sind Handball und Fußball. In den 1950er Jahren sind sportliche Kontakte über die noch nicht militarisch gesicherte Zonengrenze möglich, ja von der DDR erwünscht; noch hofft sie ja auf eine Wiedervereinigung, natürlich unter sozialistischen Vorzeichen.

Daher fragen die Lübbenauer beim Badischen Handballverband nach einem Partner für einen Vergleichskampf in ihrer Heimat. So entsteht der Kontakt zum Sport-Club Pfingstberg-Hochstätt, der damals eine sehr erfolgreiche Handballabteilung unterhält. Im Juni 1957 reisen 20 ihrer Aktiven nach Lübbenau. Im „Interzonenzug“, wie er genannt wird. Die Waggons sind überfüllt. Die Sportler vom Pfingstberg müssen die gesamte Nacht über stehen; aber sie sind ja noch jung.

Vom Hauptbahnhof Leipzig aus geht es am Morgen mit einem Bummelzug nach Lübbenau. Der Empfang ist überwältigend: Mehrere hundert Menschen sind gekommen, an der Spitze Bürgermeister und Gemeinderat, Sportler, viele ganz normale Bürger. Die Sehnsucht dieser Menschen nach Kontakt zu den „anderen“ Deutschen ist mit den Händen zu greifen.

Spiel endet unentschieden

Die Pfingstberger werden bei Mitgliedern des Lübbenauer Vereins zu Hause untergebracht – und legen sich zumeist gleich völlig erschöpft aufs Ohr. Der nächste Morgen bringt zunächst eine Besichtigung der reizvollen historischen Innenstadt, am Mittag dann die geplante sportliche Begegnung. Vor 200 Zuschauern legen sich beide Teams natürlich voll ins Zeug, trennen sich jedoch salomonisch: mit einem Unentschieden. Den Abend beschließt ein Festbankett, das bis in den Morgen dauert, wie die Vereinsakten überliefern.

Der nächste Tag bietet einen gemeinsamen Ausflug durch den Spreewald – auf 50 Booten! Es muss ein eindrucksvolles Erlebnis sein. Und die Politik? Die Vereinsakten des SC Pfingstberg deuten entsprechende Gespräche nur ganze vage an, wenn es darin heißt: „Beim gemütlichen Beisammensein am Abend mit den Gastgebern wurde viel gefragt, erzählt und diskutiert.“

Die Spreewaldpuppe, die das Abschiedsgeschenk an die Pfingstberger bildet, findet später ihren Platz im heimischen Clubhaus auf dem Pfingstberg. Doch vor allem die menschlichen Erlebnisse verfehlen ihren Eindruck nicht: „Es waren die schönsten Tage, die unsere Handballer in dem erst seit 1950 bestehenden Verein erleben durften“, bilanziert Vereinsschriftführer Edmund Walter – und lädt die Lübbenauer daher zum Gegenbesuch ein: „Wir freuen uns schon heute, dass wir Ihnen das Gleiche bieten können“, schreibt er: „Wir haben zwar keine Spree, aber auch Wald und Wasser.“

Gemeinsam im Rheinauer Kino

Schon im August 1957 treffen 20 Lübbenauer in Mannheim ein und werden vom Vorsitzenden des SC Pfingstberg, Oskar Blum, am Hauptbahnhof begrüßt. Auch sie sind privat untergebracht und genießen ein liebevoll gestaltetes Besuchsprogramm: Rundfahrt durch die Stadt, vorbei an den „Auslagen der Geschäfte“, wie der Chronist vieldeutig notiert, ins Rhein-Neckar-Stadion, ins Herzogenriedbad, ins Nationaltheater. Im Rheinauer Kino sehen Gäste und Gastgeber gemeinsam „Charlys Tante“, einen Verwechslungsklamauk mit Heinz Rühmann.

1958 steigen die Pfingstberger Handballer sportlich auf. Ihr Terminkalender wird dichter, sportliche und gesellige Begegnungen mit den Lübbenauern müssen immer wieder verschoben werden. Bis es zu spät ist: 1961 wird die Mauer gebaut. Ab da bleiben nur Erinnerungen.