Neckarau

Neckarau Sohn eines französischen Zwangsarbeiters auf den Spuren seines Vaters

Gute Erinnerungen an die freundlichen Neckarauer

Archivartikel

Am Turm des Hauses der Familie Wetzel im Gernotweg flatterte die Trikolore beim Empfang der Gäste aus Frankreich. Zum zweiten Mal war Patrick Bataillard aus Riorges bei Lyon in Südfrankreich nach Neckarau gekommen, um gemeinsam mit seiner Frau Dominique auf den Spuren seines Vaters zu wandeln.

Die Geschichte begann vor mehr als 70 Jahren, als der Vater und Onkel von Patrick Bataillard während dem 2. Weltkrieg in Neckarau zur Arbeit zwangsverpflichtet waren. Nach ihrer Heimkehr im Mai 1945 hatten sie ihrem Sohn und Neffen Patrick ihre Erlebnisse erzählt und die freundliche Aufnahme und Behandlung durch die Neckarauer Bevölkerung in dieser Zeit des Mangels und der Bombenangriffe lobend hervorgehoben.

Diese Berichte über Neckarau hatten Patrick Bataillard veranlasst, diesen Ort der netten Menschen näher kennenzulernen. Er hatte 2010 beim Mannheimer Touristenbüro diesbezüglich nachgefragt und seine Adresse hinterlassen. Diese wurde dann Helmut Wetzel als aktivem „Neckarauer“ übergeben. Im gleichen Jahr hatten der Altstadtrat und Günter Herbert, der frühere Vorsitzende des Vereins Geschichte Alt Neckarau, Patrick Bataillard im Neckarauer Rathaus empfangen und ihm die Aufenthaltsorte seines Vaters und Onkels gezeigt. Danach blieben Helmut Wetzel und Patrick Bataillard über Mail in Kontakt und hatten jetzt mit ihm erneut einen Besuch vereinbart.

Bataillard – der sehr gut Deutsch spricht, das er sechs Jahre lang während seiner Schulzeit gelernt hat – berichtete: Sein Vater, der bereits 1982 verstarb, habe nie viel erzählt, umso gesprächiger gewesen sei sein Onkel, der allerdings vor vier Jahren ebenfalls starb. Dieser habe als frohgesinnter Mensch die Zeit als Zwangsarbeiter auch wesentlich besser als sein Vater verkraftet. „Mein Vater und Onkel litten zwar Hunger, wie alle anderen Menschen damals in Neckarau auch, aber sie wurden nie misshandelt“, betonte Bataillard.

Viele Orte wiedererkannt

Anhand der Fotos, die er bei seinem ersten Besuch 2010 in Neckarau gemacht habe, hätte sein damals 88-jähriger Onkel viele Orte wiedererkannt. 1942 wurden Patrick Bataillards Vater Jean und sein Onkel André, die beide damals um die 20 Jahre alt waren, nach Neckarau zwangsverpflichtet. Untergebracht wurden die beiden jungen Männer in einem Bistro in der Fischerstraße. Gearbeitet haben sie in einem Zweigwerk der saarländischen Dillinger-Hüttenwerke, das sich im heutigen Mallau befand. Nach einem Bombentreffer wurde das Werk geschlossen, und die jungen Franzosen wurden zeitweise in Ludwigshafen beziehungsweise für Aufbauarbeiten nach Bombenschäden in Neckarau eingesetzt. „Patricks Vater und Onkel haben Neckarau wieder mit aufgebaut“, lobte Wetzel. Als Gastgeschenk überreichte er dem Franzosen ein Buch über die Zeit von 1939 bis 1949 in Neckarau. Auf dem Besuchs-Programm standen dieses Mal auch eine Stadtrundfahrt und ein Besuch im Großkraftwerk Mannheim (GKM), das Patrick Bataillard schon beim Abendessen tags zuvor vom Turm-Dreh-Restaurant „Skyline“ am Neckar aus gesehen und von dem auch sein Vater und Onkel immer wieder erzählt hätten.

Zwischen Helmut Wetzel und Patrick Bataillard ist im Laufe der letzten Jahre eine Freundschaft entstanden. „Wir haben einen gemeinsamen Großvater – Karl der Große oder Charlemagne – und unsere Väter sind Charles de Gaulle und Konrad Adenauer“, stellte Wetzel fest.

Mit einem Glas Wein stießen der 80-jährige Altstadtrat und der 72-jährige Franzose und ihre Frauen auf ihre deutsch-französische Freundschaft an.