Neckarau

Neckarau Antisemitismusbeauftragter diskutiert mit Schülern am Bach-Gymnasium / Experte warnt vor weltweiter Vernetzung und Hassbotschaften

„Rassismus bedroht die Demokratie“

Archivartikel

Michael Blume, der Antisemitismusbeauftragte der Landeregierung, war am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz am Bach-Gymnasium zu Gast. Als ausgewiesenen Experten hatte Schulleiterin Heike Frauenknecht den renommierten Religionswissenschaftler und Politologen zu einem Vortrag über Antisemitismus eingeladen und knapp 150 interessierte Zuhörer waren gekommen.

Neben Schülern der Kursstufen KS1 und 2, zwei G9-Klassen und zahlreichen Lehrern konnte die Schulleiterin auch Alina Dorn, Fachreferentin Antisemitismus, und Sibylle Hoffmann vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung in Stuttgart begrüßen. „Ich sehe diese Veranstaltung, die sich schwerpunktmäßig mit gegenwärtigen Tendenzen des Antisemitismus beschäftigt, komplementär zu der Veranstaltung mit Anita Lasker-Wallfisch, einer der wenigen überlebenden Zeitzeuginnen des Holocaust und ehemaliges Mitglied des Mädchenorchesters in Auschwitz, die wir am 11. Juli.2018 bei uns zu Gast haben durften“, erklärte Frauenknecht.

Doch er sei nicht da, um irgendwelche Schuldgefühle zu wecken, sagte Blume. „Niemand hier im Raum ist schuld, schuld ist der Täter“, betonte er. Beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gehe es vielmehr um die Zukunft, wie das Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen sein könnte, ohne Angst zu haben. „Das ist nicht Vergangenheitsbewältigung, wir können es nicht ändern, aber wir haben die Chance, es anders zu machen“, betonte der Experte.

Aufstehen und Einfluss nehmen

Blume, der 2018 zum ersten Antisemitismusbeauftragten des Landes Baden-Württemberg ernannt wurde, geht seitdem intensiv der Frage nach dem zunehmenden Populismus nach. Überraschend für die Zuhörer war seine Erkenntnis, dass der daraus resultierende Hass sich nicht nur gegen Juden richtet, sondern auch gegen Christen, Muslime und Nichtgläubige. Ursache seien Verschwörungsmythen. Das sei zur Zeit von Jesus Christus nicht anders gewesen, als bei Einführung des Buchdrucks oder heute durch die neuen Medien im Internet.

Blume bedauerte den Rückgang und das Sterben von örtlichen Tageszeitungen. „Wenn die Menschen sich nicht mehr über die Versammlungen zu politischen Themen vor Ort informieren können und dadurch keine Möglichkeit mehr haben, sich zu beteiligen oder bei negativen Entwicklungen selbst initiativ zu werden, so bedeutet das das Ende der Demokratie.“ Die Zahl der Antisemiten, die in allen Schichten der Bevölkerung zu finden seien, habe zwar in den letzten Jahren nicht zugenommen. Doch neu seien ihre weltweite Vernetzung und der Ton ihrer Hassbotschaften, die auch ihn seit 2011 treffen.

Was man konkret dagegen tun könne, wollten die Schüler des Bach-Gymnasiums wissen und ob Blume angesichts der Anschläge gegen jüdische Einrichtungen nicht zu spät zum Antisemitismusbeauftragten der Landesregierung berufen wurde. „Spät schon, aber nicht zu spät“, erwiderte Blume. Seine Vorschläge für ein gutes und gedeihliches Zusammenleben sind: „Aufstehen und versuchen, Einfluss zu nehmen, wenn man das Gefühl hat, dass ein Irrglaube oder gar ein Hass auf Minderheiten entsteht.“

Die Schüler in Neckarau könnten glücklich sein, dass sie eine Schule wie das Bach-Gymnasium besuchten, das Vielfalt vorlebe und Minderheiten akzeptiere, so Blume. Um sich sachlich zu informieren, sei es für sie auch wichtig, die richtigen Medien nutzen.