Neckarau

Neckarau „Selfie mit dem Tod“ – Theaterstück der ehemaligen Bach-Schülerin Sophia Niehl / Sketche, die nachdenklich stimmen

Soziale Medien und reale Freunde

Es ist 20.05 Uhr, als Klaus Doldingers „Tatort“-Titelmusik aus den Lautsprechern dröhnt. Erst leise, dann immer lauter. Dann geht das Licht der Aula des Johann-Sebastian-Bach Gymnasiums aus und die Musik verstummt. Als dann die Bühne wieder hell wird, bietet sich dem Publikum ein bizarrer Anblick: Eine Aufblaspalme aus Plastik steht in der Ecke, daneben ein Tisch für Kinder im Kita-Alter. Am anderen Ende steht ein pinkfarbener Schultisch sowie ein Sportgerät, das an ein kleines Reck erinnert. Dazwischen: rund ein Dutzend Schüler, die auf ihre Handys starren. Und eine Tote. Mit roter Bluse und einer Platzwunde auf dem Kopf. Neben ihr liegt ein Kronleuchter, vermutlich hat er das Mädchen erschlagen. Zu stören scheint es niemanden, alle reden wild durcheinander.

Das bunte Bühnenbild muss vom Publikum erstmal verarbeitet werden. Und dann ist es auch schon mittendrin in „Selfie mit dem Tod“, dem ersten Theaterstück von der ehemaligen Bach-Schülerin Sophia Niehl (wir berichteten), die selbst auch eine Rolle in der Aufführung übernimmt. Benny (die erste Bühnenrolle von Elias Boley) ist bestürzt über Celines (Johanna Dörsam) Tod und möchte die Ursache rausfinden. Doch die anderen tratschen lieber über die neueste Trennung eines Paars („Das hätte ich ja nie von denen gedacht!“).

Der Schulleiter (Björn Meiners) zockt lieber einen Ego-Shooter und auch die Schulpsychologin (Lillie Hafner) ist keine große Hilfe. Nur Kassandra (ebenfalls Hafner) ist auf Bennys Seite und unterstützt ihn – wenn auch auf etwas sonderbare Art. Es entwickelt sich eine aberwitzige Komödie mit Anspielungen auf Youtube-Schminktutorials und Modetrends, mit Klischeefiguren wie dem Streber und den unzertrennlichen Tratschtanten und – natürlich – Scherzen über Veganer. Dennoch bleibt es ein Krimi, insgesamt vier Personen sterben in den gut 90 Minuten.

Es ist eine Parodie auf die heutigen Jugendlichen, bei denen Likes und Aufmerksamkeit in sozialen Medien mehr zählen als Freundschaften und Tragödien im echten Leben. „Beängstigend“ nennt ein Zuschauer die Umsetzung des Themas in der Komödie, „denn es ist ja leider wahr.“ Andere Zuschauer stimmen zu: „abgedreht“, sei das Stück, oder „einfach genial!“ Auch Britta Meiners ist begeistert: „Super! Es war kurzweilig und das Thema natürlich hochaktuell. Und die Schauspieler waren prima.“

Grenzen verschwimmen

Das stimmt, bei einigen Schülern hat man das Gefühl, dass die Grenzen zwischen Figur und selbst verschwimmen. Vor allem Elias Boley, der als Benny das gesamte Stück trägt, nimmt man die Verzweiflung auf der Suche nach der Ursache von Celinas Tod sowie die kleine, aufkeimende Romanze zu Kassandra ab.

Hinzu kommt noch, dass das Stück großartig und abwechslungsreich geschrieben ist. Immer wieder wird die klassische Theaterstruktur aufgebrochen, das Publikum direkt angesprochen oder es werden scheinbare Werbeblöcke eingeschoben.

Ernst zu bleiben sei dabei nicht immer leicht gewesen, sagen die Schauspieler. „Vor allem, wenn improvisiert wurde und neue Witze hinzukamen“, sagt Ramón Dencker Castro-Rial, der den sportverrückten Yanick spielt.

Regisseurin Cornelia Bretschneider war vor allem froh, dass alles so perfekt geklappt hat. Vor allem auch die vielen technischen Tricks: „Toll, wie die Jungs das gemacht haben.“ Und die Reaktionen des Publikums – immer wieder waren jede Menge laute Lacher zu hören – habe die Schüler bestens unterstützt: „Das ist natürlich wunderbar.“

„Selfie mit dem Tod“ ist aber nicht das einzige Stück des Abends. Bereits vor der Pause präsentieren die Schüler drei kurze Sketche: Über eine Frau (beeindruckend in Mimik und Verzweiflung: Lillie Höfner), die an einem Bahnschalter Auskunft sucht, aber eigentlich nicht weiß, was sie überhaupt wissen will, und vom Beamten (Björn Meiners) am Schalter Antworten bekommt, die sie höchstens zum Teil befriedigen. Oder über eine Frau (Juliane Trahan), dessen Mann sich im Zug geschrumpft hat, und die dies als Beweis seiner unendlichen Liebe sieht. Und über einen Arzt (Leon Scholpp), der als Narzisst die Abhängigkeit der Angehörigen seiner Patienten (hier Castro-Rial) genießt.