Neckarstadt-Ost / Wohlgelegen / Herzogenried

Neckarstadt-Ost „Spätlese“ treibt neue Blüten im Theater Felina Areal

Amüsante Geschichte zu vorgerückter Stunde

Wenn Taubendreck arglose Spaziergänger trifft, rechte Gesinnung wieder salonfähig ist und der pausenlos wasserlassende Urinius dazu seinen Segen erteilt (Elmar Bringezu), dann ist die Zeit reif für eine neue Ausgabe von „Spätlese“. Seit 14 Jahren gibt es diese Lesebühne für Selbstgeschriebenes. Trotz Sommerhitze waren zahlreiche Literaturfreunde der Einladung von Organisatorin Angela Wendt gefolgt.

Familiengeschichte erzählt

Die außergewöhnliche Lesung im Theater Felina Areal begeisterte ein Publikum, das augenscheinlich großen Spaß an den Darbietungen hatte: Häppchenweise präsentierten zehn Autoren ihre spannenden Werke: Lustiges, Nachdenkliches und Ironisches. Beim Nachdenken über die Verbindlichkeit von Traditionen, wie die in Stein gehauenen Präsidenten-Legenden am „Mount Rushmore“, kam Albert Maier zur ironischen Erkenntnis: „Bei Bush und Trump wählt man wohl besser Holz“.

Gerlinde Gaul (Jahrgang 1928) führte die Zuhörer zurück in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Gebannt lauschten alle der Rumäniendeutschen, als sie aus ihrem Buch „Die unsichtbaren Fesseln“ vorlas, in dem sie den Weg ihrer Familie beschrieb.

Als „unnützes Kopftuchmännchen“ begeisterte der Bürgerrechtsaktivist, Künstler und Humanist Burkhard Tom-Bub mit einer Lesung, in der es vor absurden Wortluftschlössern und tragisch-komischen Situationen nur so wimmelte. In sarkastischer Anspielung auf die Rede von Alice Weidel (AfD) erklärte Tom-Bub, als „alimentierter Messermann habe er nicht kommen wollen.

NichtGanzDichter rappte munter ab über Markenwahn. Außerdem hatte der Ludwigshafener seine Pfälzer Oma mitgebracht. Als Ellen Borth im Frühjahr 2017 beschließt, ihre Erinnerungen niederzuschreiben, ist sie fast 87 Jahre alt. Inspiriert wurde sie dazu von ihrem Enkel, mit ihm gemeinsam las und erzählte sie aus der Fülle heiterer, tragischer, bewegender und teilweise unglaublicher Begebenheiten ihres erfüllten Lebens in Oppau.

Der 1939 auf Sizilien geborene Autor Antonino Pennino, der heute mit seiner Familie im Herzogenried wohnt, hatte extra für die „Spätlese“ die Geschichte von einem Apotheker geschrieben, der durch seine Hässlichkeit zur Publikumsattraktion wurde und dadurch zu Reichtum gelangte, für sein daraus resultierendes Anspruchsdenken aber hart bestraft wurde.

Der Heidelberger Elmar Bringezu las mit tiefer Stimme gereimte Märchen für Erwachsene: ,Rotkäppchen“ und „Hänsel und Gretel“ frei nach den Gebrüdern Grimm. „Nichts Lustiges, sondern was zum Nachdenken“ servierte Carola Griesbach mit ihrer Kurzgeschichte „Wachstum“. Kein Unbekannter im Saal war Bernd Ernting. Der 1948 geborene Autor mit dem markanten oberhessischen Dialekt amüsierte mit der Geschichte von Peter, der in die Stadt zum Frisör fahren wollte und vor lauter Besorgungsaufträgen seiner Familie nicht dazu kam. Martin Schaarschmidts Reisebericht warf die Frage auf: „Darf man über Hitler lachen?“ Surab Surabischwili aus Georgien erzählte, wie das aufgezwungene Miteinander in einer russischen Gefängniszelle bei den Menschen zu Abweichungen im Verhaltensmuster führt.