Neckarstadt-Ost / Wohlgelegen / Herzogenried

Wohlgelegen Theaterstück des Ludwig-Frank-Gymnasiums zur transhumanen Zukunft

Bald die totale Kontrolle?

Der Mensch soll überwunden werden: Forscher arbeiten auf eine Welt im Sinne des Transhumanismus hin. Die ideale Mensch-Maschine ist perfekt kontrollierbar und auf Leistung optimiert. Die Entwicklung hin zur Steuerung des Menschen durch Mikrochips im Gehirn öffnet neue Türen zur Erweiterung und Kontrolle des Menschen. Es geht um nichts Geringeres als um die totale Kontrolle und die maximale Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft im neuen Theaterstück der Theater-AG Luftikus des Ludwig-Frank-Gymnasiums (LFG).

Das Stück „Der Chip“, das in Mannheim im Jahr 2041 spielt, ging gleich fünfmal vor restlos ausverkauftem Haus über die Bühne. Wie es einer Theaterfigur geht, der eine künstliche Superintelligenz an den Kragen will, bekommt Andreas Bauer am eigenen Leibe zu spüren. In ruhigen Bahnen verlief sein bisheriges Leben, eingebettet in die heile Welt der 1950er/60er Jahre mit mitreißenden Tanzeinlagen und viel „Lollypop“.

Besser vernetzt

Keinen Schultag und keine Prüfung hat der Schüler bisher verpasst. Der perfekte Sohn also. Bis dieser auf einmal vor eine schwierige Entscheidung gestellt wird. Denn mit 15 Jahren soll ihm nach einer Prüfung ein Chip in sein Hirn gepflanzt werden und alle sind besser untereinander vernetzt. Chip Crashs sollen außerdem äußerst selten sein. Was Andreas anfangs nicht ahnt, ist, dass er eigentlich keine Entscheidungsfreiheit hat. Familie, Freunde, Lehrer und Mitschüler üben Druck auf ihn aus. Alle Menschen hätten so einen Chip im Hirn. Nur im Pfälzer Wald soll es noch eine Enklave ohne Chips geben.

Natürlich spitzt sich für Andreas die Lage noch mal zu, als er davon erfährt, dass seine Freundin Alia und ihre Schwester ihn benutzen wollen, um die Mikroships auszuschalten. Man kann gar nicht anders, als sich bei der Szene mit fünf Andreas-Figuren an die Filme „Schräger als Fiktion“ oder „Beeing John Malkovic“ erinnert zu fühlen.

Dieses „Beeing“ Andreas, der beliebig austauschbar ist, begeistert Fans der verschrobenen Stoffe. Indem der Held erkennen muss, dass die Wirklichkeit so ganz anders und sein Leben von außen gesteuert ist. Wer angesichts der Vergleiche jetzt beunruhigt ist und fürchtet, „Der Chip“ wäre irgendeine Form von Aufguss der genannten Klassiker, kann aber beruhigt werden.

„Der Chip“ (dessen Titel zugegebener Maßen etwas sperrig daherkommt) ist ein durch und durch eigenständiges Werk. Die vielversprechende Idee und das Drehbuch stammen aus der Feder von Lehrerin Heike Craig. Inszenierung und Regie übernahm sie wieder mit ihrem Kollegen Peter Rolke. Beide stellten wiederholt ihre Fähigkeiten unter Beweis.

Die Darstellung des Kampfes zwischen Andreas und der Superintelligenz ist einer der Höhepunkte des Stücks: brutal, aufrüttelnd und effektiv. Und – gelegentlich saukomisch. Auch alle anderen spielen ihre Rollen mit viel Herzblut und schaffen neurotisch-schräge Charaktere.

Graigs tolle Idee, die virtuose Inszenierung und die skurrilen Charaktere ergänzen sich kongenial zu einem wirklich starken Theaterstück, das genau zu richtigen Teilen Komödie, Tragödie, Liebesschnulze und absurdes Theater ist. ost