Neckarstadt-Ost / Wohlgelegen / Herzogenried

Neckarstadt Abschlusspräsentation des Programms „Gummitwist“ im Theater Felina-Areal

Ganz neue Ideen für den modernen Tanz

Als wir den Saal im Theater Felina-Areal betreten, wird sofort klar, dass uns keine normale Aufführung erwartet: Auf der Bühne spielen junge Tänzer Gummitwist, wie früher auf dem Schulhof, scheinbar ohne von den hereinlaufenden Zuschauern Notiz zu nehmen. Sie hören auch nicht damit auf, als Edan Gorlicki vor das Publikum tritt und das Konzept des Abends erklärt.

„Gummitwist“ heißt das Mentorenprogramm, das im Theater seinen Abschluss feierte. Drei junge Tanzbegeisterte aus Mannheim wurden dort seit dem Sommer von dem Choreographen Edan Gorlicki gecoacht. „Es ging darum, herauszufinden, wofür man sich interessiert, in seinem eigenen Tempo, ohne den Zwang, ein Ergebnis zu liefern“, erklärte Gorlicki. „Deshalb durften die jungen Choreographen auch kein fertiges Werk produzieren. Sie durften nur spielen, experimentieren und sehen, was passiert.“

Auf Spielgeräten

Dass wir Ausschnitte aus einem Arbeitsprozess sehen, wird bereits bei der Präsentation des ersten jungen Choreographen deutlich. Lorenzo Ponteprimo gibt während der Aufführung Kommentare vom Bühnenrand: „Ein Stück weiter nach links“, „Kommuniziert miteinander“, „Schön!“. Seine Idee war es, verschiedene Orte zu besuchen, um zu sehen, zu welchen Bewegungen die unterschiedlichen Umgebungen ihn und seine Tänzer inspirieren. In Videos sehen wir zum Beispiel, wie sie am Clignetplatz zwischen spielenden Kindern auf den Spielgeräten tanzen. Diese Filmaufzeichnungen und die Live-Aufführung verschmelzen auf der Bühne schließlich miteinander. „Ich wollte erforschen, wie sich die Bewegungen von draußen ins Studio übertragen lassen“, sagt Lorenzo.

Für die zweite Performance wechseln wir den Raum. Die Choreographin Miriam Markl steht mit bunter Clownsperücke und rosa Sonnenbrille auf einem Tisch, in einer Hand eine Glocke, in der anderen einen Knochen. „Setzt euch nicht hin“, fordert sie das Publikum auf, „lauft umher und schaut euch alles an.“ Es gibt tatsächlich viel zu sehen: An den Wänden hängen bunt gemischt Notizen aus ihrem Rechercheprozess, Stichworte wie Körper oder‚Gefühlslandschaft neben anatomischen Zeichnungen des Rachens und der Zunge. Nach einer Weile beginnt ein tänzerisches Wechselspiel zwischen Miriam Markl und einer weiteren Tänzerin, und schließlich wird auch das Publikum mit einbezogen. „Meine Idee war es, den Körper zu befreien“, erzählt die 26-Jährige. „Ich wollte alles an die Oberfläche bringen, was in den Knochen steckt, und ganz neue Bewegungen entstehen lassen.“

Die dritte Choreographin, Amelia Eisen, ist in Kalifornien aufgewachsen und lebt seit 2017 in Mannheim. Die zwei Tänzerinnen, die sie auf die Bühne bringt, führen ein rätselhaftes Gespräch miteinander: Zum Teil reden sie gleichzeitig, häufig reagieren sie nicht auf die Fragen der anderen. Immer wieder scheinen sie von Verlusterfahrungen zu sprechen, die sich jedoch nur bruchstückhaft erahnen lassen. „Es ging mir um Erinnerungen“, erklärt Amelia, „darum, wie viel man aus einer einzigen Erinnerung, einem einzigen Bild machen kann.“

Nach jeder Vorstellung werden Beurteilungsbögen verteilt. „Weil wir keine abgeschlossenen Werke gesehen haben, sind Anregungen noch besonders wertvoll“, betont Edan Gorlicki. Am Ende sitzen alle Tänzer und Choreographen für die Abschlussdiskussion mit Weingläsern auf der Bühne. Was haben sie aus dem Mentoringprogramm mitgenommen? „Ich hatte viele Aha-Momente, habe aber auch viele Dinge ausprobiert, bei denen ich gemerkt habe, dass das nichts für mich ist“, sagt Amelia. „Auf jeden Fall habe ich neue Ideen gesammelt, die ich für die Zukunft nutzen kann.“

Viel ausprobiert

Miriam gibt zu, dass es für sie schwierig war, einerseits kein fertiges Werk zu erstellen, andererseits aber dennoch etwas auf der Bühne zeigen zu sollen. Lorenzo hingegen fand es befreiend, vieles ausprobieren zu können. Das Publikum zeigte sich angetan von dem offenen, persönlichen Charakter der Vorstellung. Choreographin Miriam, die für ihre Ausbildung nach Mannheim gezogen ist, hat sich entschieden, auch nach ihrem Abschluss in der Quadratestadt zu bleiben. „Ich finde es total schön, wie sich die Tanzszene hier gegenseitig unterstützt.“