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Neckarstadt-Ost Literarisches Lebewohl erinnert an Musiker, Schauspieler und eine Ralleyfahrerin / Nächster „Abgang“ am 9. Juli

Im Überschwang verabschiedet

Archivartikel

„Gar nicht, geht nicht, gibt’s nicht“, lautete das Motto der vor allem als Ralleyfahrerin bekannt gewordenen Ur-Berlinerin Heidi Hetzer. Mit ihrem Hudson Greater Eight aus dem Jahre 1930, den sie liebevoll „Hudo“ nannte, startete sie mit 77 Jahren zu einer Fahrt um die Welt. Die Reise beendete sie mit einem umjubelten Empfang im März 2017 vor dem Brandenburger Tor. Im April starb die gelernte Kfz-Mechanikerin und Unternehmerin ganz plötzlich und gehörte mithin zu den prominenten Zeitgenossen, denen beim letzten „Abgang“ im Theater Felina-Areal gedacht wurde.

Dabei sagten die Mitglieder des Neuen Ensembles in der Holzbauerstraße in der Dreierbesetzung Hedwig Franke, Mathias Wendel und Sascha Koal – letzterer zeichnete auch für die Text- und Liedauswahl verantwortlich – den zahlreichen Verblichenen auf ihre ganz eigene, liebevolle und auch augenzwinkernde Weise Lebewohl.

„Das ist einer der schönsten Texte des Abends“, befand Mathias Wendel, der einen Abschnitt aus „Rebellion und Reform. Die Bundesrepublik der Sechzigerjahre“ las. Verfasst hatte das sozialgeschichtliche Werk der verstorbene Historiker Axel Schildt. Er beschreibt darin unter anderem das Aufkommen der Werbung in dieser Zeit. Etwa für Rauchwaren. Dafür steht das Beispiel einer Bremer Tabakfirma. Diese tourte Anfang 1962 mit einer italienischen Musikband durch das Industrierevier um Stuttgart und lockte damit sechs Wochen lang jeden Abend hunderte von Gastarbeitern in Säle und Turnhallen. „Zum bunten Programm gehörte die Gratisverteilung von Tabakpäckchen und Pfeifen, um das Pfeifenrauchen zu propagieren, das bei deutschen Arbeitern aus der Mode gekommen war“, so Wendel.

Ihr Tod berührte hierzulande viele Menschen: Die Vollblutschauspielerin Hannelore Elsner gab ihr Filmdebut bereits mit 17 Jahren. Mit Szenen aus den Krimiserien „Stahlnetz“, „Der Kommissar“, „Tatort“, „Die Kommissarin“ sowie einer Passage ihrer Autobiographie „Im Überschwang“ wurde sie verabschiedet. Zu betrauern galt es ebenso die Charakterdarstellerin Ellen Schwiers, die oftmals geheimnisvolle Frauen verkörperte. Die Schwedin Bibi Andersson kennt man besonders durch ihre Zusammenarbeit mit dem Regisseur Ingmar Bergman, etwa in dem Schwarz-Weiß-Drama „Wilde Erdbeeren.“ Der US-Amerikaner Ken Kercheval erlangte seinen Durchbruch als Cliff Barnes, dem Gegenspieler von Larry Hagman alias J. R. Ewing in „Dallas“, der Kult-Serie der 1980er. Mit einer kurzen Episode aus einer der Folgen wartete das Neue-Ensemble-Trio auf.

Peter Haberer gedacht

Wehmut ergriff die Akteure und Zuschauer als an Peter Haberer erinnert wurde. Er war Gründungsmitglied des Neuen Ensembles und spielte etwa in „Sonny Boys“ und „Hamlet“ mit. Außerdem engagierte er sich in der Theaterarbeit mit kurdischen und türkischen Mannheimer Jugendlichen. Was wären Filme ohne Musik? Sie löst Emotionen aus, kann zu Freude, Trauer oder Erschauern führen. Einer ohne dessen Kompositionen Filmklassiker wie die Winnetou- und Edgar-Wallace-Verfilmungen und Fernsehproduktionen wie „Pfarrer Braun“, „Der Alte“, „Derrick“ und viele mehr nicht denkbar sind, war Martin Böttcher.

Auch für den österreichischen Kameramann Charly Steinberger, der bei einer ganzen Reihe deutschsprachiger Filme und Serien die Darsteller und Objekte optimal in Szene setzte, fiel die letzte Klappe. Ebenso trat der Kabarettist Herbert Bonewitz, der weiland durch die Mainzer Fastnacht bekannt wurde, von der Bühne des Lebens ab.

Daneben gab es eine Reihe von Sängern und Musiker, die für immer verstummten. Zu nennen sind unter anderen der Rockabilly-Star Billy Adams und Scott Walker, der nach einer anfänglichen Karriere als Bassist und Leadsänger von „The Walker Brothers“ eine Solokarriere als Sänger begann.