Neckarstadt-Ost / Wohlgelegen / Herzogenried

Neckarstadt Lesebühne für Selbstgeschriebenes im Theater Felina-Areal / 4. Dezember 33. Folge

Totgesagte leben länger

Sie hat eine schlimme Krankheit. Im Jahr 2000 bekam sie die Diagnose, dass sie noch zwei Jahre zu leben hat. Heute ist sie 89 Jahre alt und seit zwei Jahren auch Autorin: Ellen Board. Bei der „Spätlese“, einer Lesebühne für Selbstgeschriebenes im Theater Felina-Areal, liest sie zwei der 50 von ihr verfassten und als Büchlein herausgegebenen Tatsachenberichte.

„Meine Großmutter hat mit 87 Jahren ihre prägendsten und spannendsten Lebensereignisse von 1930 bis heute zu Papier gebracht“, erzählt NichtGanzDichter, bürgerlicher Name unbekannt. Er hat sie zur Lesebühne mitgebracht, dorthin, wo er selbst mit Gedichten und Texten aller Gattungen aus seinem Repertoire regelmäßig auftritt. Dieses Mal ist er „nur“ die Begleitung. Über Erfahrungen mit den Amerikanern im Frühjahr 1945 berichtet Ellen Board in „Fraternisierung und Fräuleinwunder“, über ihre Erlebnisse mit der Krankheit in „Totgesagte leben länger“.

Beide Geschichten lassen erahnen, wie viel Fröhliches und Tragisches aus ihrem bewegten Leben in den heiteren und dramatischen Kurzgeschichten verarbeitet wurde: Sie spannen den Bogen von einer Kindheit und Jugend im 2. Weltkrieg, über die Nachkriegs- und Hungerjahre, über ein Leben in den 1950er und 60er Jahren bis hin zur jüngsten Vergangenheit – gemeinsam mit ihrem Enkel NichtGanzDichter in dem Buch „Do machscht was mit!“ veröffentlicht. Eine Lektüre, die ebenso unterhaltsam wie lehrreich auch für die nachfolgenden Generationen ist. Die Spätlese, eine Veranstaltung, die im Mai 2006 von der Organisatorin Angela Wendt ins Leben gerufen wurde und mehrmals im Jahr stattfindet, lässt das Publikum jedes Mal aufs Neue in verschiedenste Welten entrücken. „Lyrik, Drama oder Prosa, alles ist erlaubt, was in sich abgeschlossen ist und nicht mehr als fünf Minuten dauert“, erläutert Angela Wendt noch einmal die Spielregeln. Bei den elf Beiträgen der 32. Spätlese wechseln sich Tatsachenberichte mit frei erfundenen, dennoch oft sehr lebensnahen Geschichten ab. Skurriles, Surreales und Science-Fiction, alles ist dabei.

Geschichte über Knut

Sylvia Kostarellos liest Prosa von Axel Jägers: „Die wahre Geschichte eines Mannheimer Obdachlosen“. Es ist eine zum Nachdenken anregende Geschichte über Knut. Über Knut, der ein perfektes Leben hatte, dessen Tage immer gleich und in geregelten Bahnen abliefen und ebenso gleichförmig und eintönig waren wie die Bewegungen beim Rudern, dem Lieblingssport von Knut. Die Geschichte erzählt weiter von dem Tag, an dem er bei einem Ruderunfall das erste Mal seinem zukünftig besten Freund begegnete: Dem Tod – und wie dieser beste Freund das Leben von Knut zum Positiven veränderte.

Jonathan Kohnen trägt einen Prosatext über das Sofa sowie drei kleine Gedichte vor. Sein Sohn Jonas Kohnen hat eine wahre Geschichte dabei, die ins Absurde verfremdet wird. Sie erzählt von seinem Bruder Manuel, der Informatik studiert und den Bachelor bereits absolviert hat. Der sich nun im Masterstudiengang befindet und dessen Professor, der für die Betreuung der Masterarbeit zuständig ist, auf einmal spurlos verschwunden ist. Wie Manuel ihm auf die Spur kommt, und was das mit der Erschaffung eines künstlichen Menschen zu tun hat.

Silea Schein nimmt zum ersten Mal an der Lesung teil. Sie betrachtet ihr Chaos im Zimmer, ihr Chaos im Kopf. „Ich muss aufräumen“, stellt sie fest. Und das immer wieder. Sie beleuchtet ihr Leben, ihre Beziehungen. Sie fragt sich, warum ihre Beziehungen scheitern. Bis sie die Lösung findet. „Lerne Dich selbst erst kennen und bearbeite Deine eigenen Probleme“ sagt sie sich, „schätze Dich selbst mehr und erkenne, was Du bist und was Du möchtest“.

Für die nächste Spätlese, die unter dem Motto Lametta Lamento steht, wünscht sich Angela Wendt „viele Texte, die Weihnachten auf die Schippe nehmen“. Sie möchte damit die Tradition fortsetzen.