Neckarstadt-Ost / Wohlgelegen / Herzogenried

Neckarstadt-Ost Spätlese zum Jahreswechsel ganz ohne Lametta

Vom „Gott der kleinen Dinge“

Archivartikel

„Ich bin eigentlich kein Fan von Weihnachten“, verrät Angela Wendt. Die Initiatorin und Organisatorin von „Spätlese“ hatte wieder Freunde der schönen Literatur zur Lesung unter dem Motto: „Lametta Lamento – Früher war mehr Lametta ...“ in das Theater Felina-Areal eingeladen. Rund ein Dutzend Hobbyschriftsteller kamen und hatten jede Menge Texte im Gepäck – Lustiges, Nachdenkliches, Sarkastisches, Schwärmerisches und auch Musikalisches.

Die außergewöhnliche Lesung begann traditionell mit dem Segen von Elmar Bringezu – dieses Mal mit weihnachtlichem Bezug: „Der Heilige Nikolaus zog gern Mädchen und Knaben aus – Gefahren und Not“. In Iris Webers absurder Geschichte „Das Experiment“ ist Weihnachten verschwunden. Schwester Maria und Pfleger Josef im Haus Abendfrieden sind ratlos, bis der 101-jährige Balthasar Melchior plötzlich seltsame kleine Wesen entdeckte – alte Männer in roten Mänteln und geflügelte Frauen.

Mit einer Proklamation „I don‘t like Smombies“ und einem Rentiergeweih auf dem Kopf eröffnete Bernhard Tom Bub aus der „Glaubensgemeinschaft der Atheisten“ sein episches Schlachtfeld. Lyriker „Nichtganzdichter“ dichtete: „Verfliegt die Lieb, herrscht der Streit, dann verfliegt die Weihnachtszeit.“ Sein Gedicht „Beau Fromage“ war eine Hommage an den Käse.

Erstmals zu Gast bei der „Spätlese“ war Marion Martini. Ihr Gedicht „Gott der kleinen Dinge“, vorgetragen zusammen mit einem Freiwilligen aus dem Publikum, war eine Soap-Opera über eine erlebte Weihnachtsgeschichte in einem Supermarkt. Nino Peninos Protagonist lockte mit seinem stummen Lamento ein sprechendes Fass herbei, das ihm für sein geräuschloses Gejammer tüchtig die Leviten las.

Verrückte Wortgebilde

Amüsant waren auch die verrückten Wortgebilde von Elmar Bringezu, beispielsweise seine „kleine Küstengeographie – ein weißer Hai aus Uruguay“ oder „30 Frösche gründeten im Teufelsmoor einen philharmonischen Unkenchor“. Bernd Erntings Protagonistin hat die Nase voll von fröhliche Weihnachten, dieser feucht fröhlichen Völlerei mit viel Tinnef, Tand und Firlefanz, aber vor allem von ihrem Mann, der ihr nur im Wege steht, und dem sie ihre Bratpfanne über den Schädel haut. Von Weihnachten im Jahre 2038 in kurzen Hosen und Flip Flops im Zeichen des Klimawandels erzählte Jonas Kohnen in seiner Sciencefiction-Geschichte. Ebenso vom Klimawandel und einer explosionsartigen Vermehrung von Weihnachtsmännern bestimmt war die Geschichte von Johannes Kohnen. Martin Willig erzählte von einer Begegnung mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, die „keinen Bock mehr hat“ auf Berlin und mit ihm eine „Sause macht“ im alten Regierungsviertel von Bonn.

Zum Schluss wurde es doch noch ein wenig weihnachtlich mit dem Mundart-Trio „Uhne Ferz“ aus dem hessischen Ried. Wie zu Großvaters Zeiten – ohne elektronischen Schnick-Schnack, mit Belcanto, Gitarre und Percussion, singen und spielen Romy und Michael Bauer sowie Rainer Emese selbstgebastelte und ausgesägte Lieder vom Jesulein, das helfen soll, und von Josef, dem eigentlichen Helden der Weihnachtsgeschichte. ost