Neckarstadt-West

Neckarstadt Publizist Wolfgang Brenner stellt Sachbuch vor

Alltägliche Dinge erklären Geschichtliches

„Ich versuche, Geschichte aus dieser Zeit zu erzählen. Ich suche etwas aus, das mit Ihnen in Mannheim zu tun hat und mit Weltpolitik“, erklärte Schriftsteller Wolfgang Brenner. Auf Einladung der Literatur-Initiative „Lese-Zeichen“ stellte Publizist Brenner sein Sachbuch „Die ersten hundert Tage“, über den Dächern der Quadratestadt, im Friedrich-Walter-Saal im Marchivum vor. Dabei analysierte der Germanist das bedeutende Schwellenjahr 1949, als das in Trümmern liegende Deutschland in Zweiteilung einen Neuanfang wagte.

Knappe Lebensmittel

„Welche Fehler wurden gemacht, was richtig, welche Schritte unternommen dorthin, wo wir heute stehen?“, eröffnete Veranstalterin Helen Heberer den Vortrag von Brenner, der zur Recherche in die Archive verschiedener Presse-Erzeugnisse eingetaucht war, etwa durch das Internet, um die damals 1949 erschienene mediale Berichterstattung auszuwerten. In den Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges litten die Bürger unter existenziellen Nöten, viele Familien konnten ihre Kinder nicht ernähren. Deshalb entwickelte jene Generation des neuen Aufbruchs eine besondere Beziehung zu Nahrungsmitteln, nach dem Wirtschaftswunder in den 1950ern und über die folgenden Jahrzehnte hinaus. „Ich habe nie verstanden, warum meine Mutter immer so ein Aufheben um das Essen machte. Was man isst, wann man isst und wer isst“, schilderte Autor Wolfgang Brenner, der 1954 im Saarland zur Welt kam und seine prägende Jugend in Südwestdeutschland verbracht hatte.

Lebensmittel waren nach dem Zweiten Weltkrieg knapp, woraufhin das Hamstern, Feilschen und Betteln begann. „Die Menschen haben gehortet in den Mangeljahren“, erläuterte Brenner, der seine Sachbücher im Herder-Verlag veröffentlicht. Durch alltägliche Begebenheiten größere geschichtliche Zusammenhänge und Ereignisse tiefer verstehen, mit dieser Herangehensweise habe er sein Buch „Die ersten hundert Tage“ verfasst. „Die kleinen Dinge, die für die Menschen viel näher waren, sagen mehr aus als Statistiken“, ist Buchautor Brenner überzeugt. Wegen des materiellen Mangels hätten die Menschen den Wert des Lebens besser zu schätzen gelernt.

Dass im deutschen Fernsehen heute derart viele Kochsendungen zu sehen sind, ist nach Meinung von Brenner auf diesen historischen Umstand zurückzuführen – wohl zubereitete Speisen als unverzichtbares Lebenselixier. „Das hat seinen Ursprung in diesen Jahren“, betonte Brenner, der außerdem auf die vier alliierten Besatzungsmächte einging, die Deutschland in vier Verwaltungszonen aufgeteilt hatten. Befand sich Mannheim unter französischem oder amerikanischem Einfluss? Darüber diskutierte der studierte Philosoph am Ende mit seinem zuhörenden Publikum angeregt. hfm