Neckarstadt-West

Neckarstadt-West Besucher und Bewohner entdecken beim Nachbarschaftsfest „Go West“ die Vielfalt des Stadtteils

„Das hat sich wirklich gelohnt“

Archivartikel

Die Abkühlung durch den erwarteten Gewitterschauer blieb aus, dafür waren am vergangenen Wochenende in der Neckarstadt-West die schattigen Plätze besonders gefragt: zum Beispiel unter dem Sonnensegel vor dem Café Langer oder mit den Füßen im Planschbecken vor dem Café Klokke. Rund um die Mittelstraße folgten Bewohner und Besucher dem Ausruf „Go West!“ und entdeckten den Stadtteil – oder plauderten mit Nachbarn bei Weißwein oder Rhabarberschorle.

Die Idee zum Fest sei im vergangenen Jahr entstanden, erklärt am Samstag Swetlana Hermann, eine der Inhaberinnen des „Klokke“. Damals hatte die Diskussion um die angebliche „No-go-Area“ (Viertel, das man meidet), die die Neckarstadt-West sein soll, neuen Schwung bekommen. Man habe dem etwas entgegensetzen und sagen wollen: „Nein, das ist keine No-go-Area, im Gegenteil: Go West!“ Geh’ in den Westen also. So wolle man auch die Bewohner zusammenbringen: „Wir hoffen, dass sich das Fest etabliert und Menschen sich hier treffen können.“ Die Klokke-Inhaberinnen koordinieren das Nachbarschaftsfest gemeinsam mit Julia Sattler, Managerin des Kreatvwirtschaftszentrums Altes Volksbad. Insgesamt 13 Veranstalter beteiligen sich: vom Döner-Laden bis zur Geschichtswerkstatt. „Das Fest ist super“, findet die zehnjährige Bianca, „so kann man zeigen, was es in der Neckarstadt-West alles gibt.“ Sie und ihre Mutter wohnen gerne im Stadtteil – wobei sie gleich einschränken: Im Dunkeln könne man es auf der Straße schon ab und zu mit der Angst zu tun bekommen.

In diesem Jahr schlendern bei „Go West“ weniger Menschen durch den Stadtteil als bei der Premiere 2017. Am frühen Abend füllt es sich aber an vielen Stellen – vor allem rund um den Kiosk, der seit einem Jahr Leben und Trubel an den Neumarkt bringt. Trommelgruppen und der Männergesangsverein Flora sorgen dort für teils unerwartete Töne.

Besondere Aussicht im Marchivum

Im Innenhof des Alten Volksbads tischt Jochen Schulz Nudeln mit Brennnesselpesto oder frittierte wilde Möhrenblüten auf. Wer trotz der hohen Temperaturen einen kühlen Kopf behält, kann sein Glück beim Quiz von Rätsel-Macher Erik Krämer versuchen. Für etwas Abkühlung sorgt ein Gang durch den Keller des Gebäudes: Ralf Philipp von der Geschichtswerkstatt Neckarstadt zeigt die unter Denkmalschutz stehenden Bereiche, in denen Bürger noch bis Ende der 1980er Jahre eine Dusche oder ein Wannenbad nehmen konnten: auch für viele Mannheimer immer noch ein überraschender Ort. Eine andere Entdeckung wartet etwas versteckt in einem Innenhof in der Fröhlichstraße: Marco Stunz bereitet dort in weitläufigen Werkstatt-räumen alte Möbel zu neuen Schmuckstücken auf.

Viele Besucher nutzen am Samstag aber auch die Gelegenheit, Einblick in einen neuen Leuchtturm des Stadtteils zu bekommen: Das Marchivum bietet Führungen durch das neue Domizil des Stadtarchivs im ehemaligen Hochbunker an. Archivar Christoph Popp zeigt die Räume des künftigen NS-Dokumentationszentrums und das Magazin mit seinen in 98 000 Pappkartons lagernden Dokumenten. Begeistert sind alle, als Popp die Besucher in einen Vortragsraum im obersten Stockwerk führt – mit Blick über die Dächer und Kirchtürme der Neckarstadt bis zu den grünen Bergen des Odenwalds. Das sei „der ehrlichste Blick auf Mannheim“, findet Popp: zwar ohne Schloss und Wasserturm, dafür mit dem Neckar und einem Stadtteil, der sowohl die Chancen als auch die Risiken der Stadt widerspiegele. „Wir sind hier sehr freundlich aufgenommen worden und wir bemühen uns, ein Teil der Neckarstadt zu werden“, sagt Popp.

„Das hat sich wirklich gelohnt“, ist das Fazit von Margarete Vogel-Zimmermann. Sie ist aus dem Collini-Center auf die andere Neckarseite gekommen. In der Neckarstadt-West war sie schon oft, aber das Volksbad etwa hat sie zum ersten Mal von innen gesehen. Besonders begeistert hat sie eine Sängerin, die demnächst wieder im „Klokke“ auftritt – dann will sie wiederkommen.

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