Neckarstadt-West

Neckarstadt Auf dem Neumarkt feiert das Fest der Solidarität Premiere / Situation der Bootsflüchtlinge Thema

Rote Schwimmwesten als Mahnmal

Archivartikel

„Wir haben zwar einen heißen Sommer, aber unser Land und Europa werden immer kälter“, bedauerte der Stadtrat der Grünen, Gerhard Fontagnier, eine treibende Kraft des Hilfsvereins für Flüchtlinge „Mannheim sagt Ja!“, auf der Bühne. Nebenbei kritisierte er, dass linksliberale Politiker zunehmender Bedrohung ausgesetzt seien, sowohl in der analogen als auch digitalen Sphäre, durch hasserfüllte Briefe und E-Mails. Solche einschüchternden Botschaften erreichten ihn ebenso, klagte der Lokalpolitiker.

Gegen Rassismus

Unter sengender Sonne informierten auf dem ersten Fest der Solidarität über 30 politische und kulturelle Organisationen auf dem Neumarkt über ihre Arbeit. Deshalb war dieses kunterbunte Soli-Fest mit der Losung „Gemeinsam gegen Rassismus, Ausgrenzung und Krieg“ unterschrieben. Auf Initiative des türkisch-kurdischen und demokratischen Arbeitervereins „DIDF“ ist das Fest entstanden.

„In vielen deutschen Großstädten kann man als linksliberaler Politiker nicht mehr auf die Straße gehen, ohne womöglich auf die Schnauze gehauen zu bekommen“, erzürnte sich Fontagnier (Bündnis90/Die Grünen) als Vertreter der Stadt in deutlichen Worten. An ihrem Infostand hatte die Flüchtlingsinitiative „Mannheim sagt Ja!“ einige maritime rote Rettungswesten der Seenotrettung ausgelegt: Mit diesen Schwimmwesten hielten die Teilnehmer eine Mahnwache vor der Bühne ab, um auf das Elend jener Flüchtlinge aufmerksam zu machen, die den Versuch unternehmen, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen.

Außerdem stimmte Liedermacher Bernd Köhler einige Stücke an. „Widerstandslieder haben mein ganzes Leben geprägt“, erklärte der Akustikgitarrist, der an die südländischen Gastarbeiter der 1960er Jahre erinnerte, indem der Musiker mehrere Nummern spielte, wie das spanische Volkslied „Qué sera?“ sowie „Das Lied von der Moldau“ von Bertolt Brecht, „Dicke Dagmar rote Backen“ und „Blauer Planet“.

Offenes Mikrofon

Zwischendurch stand die Bühne im Rahmen der Aktion „Offenes Mikrofon“ allen Besuchern zur Verfügung, die irgendein Thema zur Sprache bringen wollten. Bezirksbeirat Roland Schuster von „Die Linke“ gab einen Kommentar ab zur aktuellen Stimmung im Stadtteil. „Die Neckarstadt-West war durch die Innenstadtnähe schon immer ein Stadtteil für ankommende Menschen, zum Beispiel für Migranten“, schilderte Roland Schuster und ergänzte: „Unbestritten ist, dass die Neckarstadt-West noch nie ein Stadtteil reicher Leute gewesen ist, die Wohnsituation ist für viele Menschen beengt.“

An einem Tischlein saß Interviewerin Paula Franke mit einer altmodischen Triumph-Schreibmaschine, die damit die Bewohner nach Alltagsgeschichten für ihr soeben gestartetes Langzeitprojekt „Stattgespräche (NW)“ befragte. Mit einem schriftlichen Appell an alle Ministerpräsidenten, in ihren Bundesländern notleidende Bootsflüchtlinge aufzunehmen, wandte sich die Organisation „Save Me Mannheim“ an die Regierungen. Auf ihrer Internetseite, vertreten durch die Aktivistinnen Anna Barbara Dell, Nadja Encke, Bettina Franke und Gisela Kerntke, schreibt diese Initiative: „Wir sind äußerst besorgt über die sich immer zynischer entwickelnde Haltung Europas und Deutschlands gegenüber Menschen in Lebensgefahr.“

Zudem unterhielten auf der Bühne die Singer/Songwriterin Gizem Gözüacik, die Vorleserin Angelika Baumgartner, der Tanzworkshop „Abya Yala e.V.“ mit Pancho Mendez und das Rap-Projekt „Stimme der Straße e.V.“.