Neckarstadt-West

Neckarstadt-West Nachbarschaftsfest „Go West“ lockt zum dritten Mal Besucher ins Viertel / Gastronomen und Institutionen gestalten abwechslungsreiches Programm

Stadtteil zeigt seine Sonnenseiten

Am Neckarufer zischt und klackert es. Beim „Graffiti-Jam“ unter der Jungbuschbrücke greifen nicht nur Profis zur Dose, auch Kinder und Jugendliche dürfen Wände und Pfeiler besprühen – ganz legal natürlich. Graffiti-Künstler Hucklemerry erklärt, wie es geht: die Dose nicht zu nah an die Wand halten und nur kurz auf den Knopf drücken – sonst tropft die Farbe. Tatjana Lukic geht ihrem Sohn Jan zur Sicherheit zur Hand. Seit fünf Jahren wohne sie in der Neckarstadt-West, erzählt sie. Seitdem habe sich einiges getan im Stadtteil. „Es gibt jetzt mehr Angebote, so dass die Kinder nicht nur auf der Straße spielen müssen.“

Jetzt Tradition

Der Graffiti-Jam ist einer von vielen Programmpunkten des Sommerfests „Go West“, das in diesem Jahr zum dritten Mal stattgefunden hat – und sich damit in Mannheim schon als Tradition bezeichnen darf. Gastronomen, Einzelhändler, Vereine, Institutionen beteiligen sich daran: vom Marchivum bis zum Dönerladen, zwischen der Jungbuschbrücke und dem Zwischennutzungsprojekt „Alter“ am Alten Meßplatz.

Nicht weit entfernt vom Graffiti-Jam sind in der Diakoniekirche Luther ganz andere Töne zu hören: Alfred Baumgartner singt, pfeift und spielt Gitarre im kühlen Kirchenschiff. Es geht um die wohl besten Sänger der Vogelwelt: „Die Nachtigallen sind vor sieben Jahren nach Mannheim zurückgekehrt, jetzt singen sie gegen die Autobahnen an“, erklärt Baumgartner – und pfeift so hingebungsvoll, dass die Gäste ganz still werden, egal ob ältere Herren oder jüngere Hipster. Man sei in diesem Jahr zum ersten Mal dabei, sagt Diakonin Andrea Weiß. Die Kirche liegt nicht gerade im Zentrum des Stadtteils. Das Sommerfest sei daher eine gute Gelegenheit, sie all jenen zu präsentieren, die sie noch nicht kennen.

28 Stationen

Viele Grüppchen schlendern an diesem Tag durch die Straßen. Im Innenhof des Alten Volksbads gibt es Kuchen, kühle Limonade und ein Planschbecken für müde Füße. Erik Krämer von der Agentur Rätselstunde testet bei einer Quizrunde das Wissen der Teilnehmer – auch über Mannheim. Die Idee zu „Go West“ hatten 2017 die Inhaberinnen des Café Klokke, Swetlana Hermann und Caroline Courbier, sowie Julia Sattler, Leiterin des Kreativwirtschaftszentrums im Alten Volksbad. Zuvor hatte eine Journalistin in der Talkshow Anne Will den Stadtteil als „No-Go-Area“ bezeichnet, wo man sich als Frau kaum auf die Straße trauen könne. Anlass für ein Gegenkonzept: „Go West“ soll Bewohnern und Gästen die Sonnenseiten der Neckarstadt-West aufzeigen.

Von einer Massenveranstaltung wie dem Nachtwandel ist „Go West“ allerdings weit entfernt – es soll den Rahmen eines Nachbarschaftsfests haben. Was die Anzahl der Mitmachenden angeht, zeigt die Kurve klar nach oben: Angefangen habe man 2017 mit acht Stationen, erzählt Julia Sattler. In diesem Jahr stehen 28 Punkte auf dem Plan – auch wenn nicht alle gleichzeitig öffnen.

„Man hat hier einfach viel Kreatives, mehr als in anderen Stadtteilen“, ist Caroline Courbier überzeugt. Schön sei auch das Nebeneinander von Alteingesessenen und ganz neuen Akteuren. Das „Improtheater Mannheim“ nutzt das Fest zum Beispiel, um sich dem Stadtteil vorzustellen. Die Gruppe will vom Spätsommer an Workshops in der Mittelstraße 73 anbieten. „Der Standort passt gut zu uns, weil die Neckarstadt im Wandel ist“, sagt Markus Rohr, der das Konzept mit Britta Bayerl und Mira Strauß am Neumarkt präsentiert. Das improvisierte Theaterspielen wolle man möglichst vielen Menschen näherbringen – auch multikulturelle Teams könne man sich gut vorstellen.

Hanne Magin jedenfalls wohnt gerne in der Neckarstadt-West. „Wir haben hier eine schöne Gemeinschaft, und es ist immer etwas los“, sagt die 26-Jährige. Vor der Neckarschule schaut sie sich die Architektenentwürfe für die Neugestaltung des Vorplatzes an. Eine Stadtbühne soll hier entstehen, parkende Autos sind schon mal verschwunden, die seit langem schmucklose Grünfläche auf dem Neumarkt soll aufgewertet werden.

Am Abend füllen sich die Kneipen und Plätze, auf denen Musiker auftreten – wie etwa neben dem Kiosk am Neumarkt. Von No-Go-Area keine Spur.