Neue Alben

Ein mehr als halbvoller Gral

Rock: „The Bootleg Series Vol. 15: Travelin’ Thru, 1967–1969“ gibt einen Einblick in die Arbeit Bob Dylans mit Johnny Cash

Es ist so etwas wie ein Heiliger Gral der Rockmusik – und wie so oft reden selbst Experten schnell von einem „verlorenen Album“ („Rolling Stone“), das jetzt als 15. Teil der verdienten „Bootleg Series“ zu Bob Dylans Werk erscheint. Nun ist es nicht sonderlich wahrscheinlich, dass jemand Studiobänder mit Duo-Aufnahmen der Legenden Dylan und Johnny Cash (1932-2003) in Nashville verschlampt. In der Realität erscheinen Platten selbst bei einer solch spektakulären Zusammenarbeit nur aus einem Grund nicht: Einer oder mehrere Beteiligte fanden sie schlicht nicht gut genug.

Dafür gibt es auch in diesem Fall Gründe, die sich auf der absolut empfehlenswerten Dreifach-CD (oder -LP) „The Bootleg Series Vol. 15: Travelin’ Thru, 1967–1969“ schnell erschließen. Zum einzigen Mal in seiner Karriere findet es Dylan in dieser Phase interessant, richtig schön zu singen – wie in „Lay Lady Lay“, das aus seinem offiziellen Werk deshalb heraussticht wie ein lila Hund. Cash wirkt daneben wie ein schlachtenerprobter Dobermann, an dessen monumentalem Organ sein genialer Mitstreiter fast abprallt. Ob er nun im Duett oder zweite Stimme singt. In einigen Aufnahmen von Proben, finden sie auch schon mal keine Abstimmung, und wenn Dylan einen Desperado-Song wie „Wanted Man“ angeht, wirkt das fast anrührend welpenhaft. Kein Wunder, dass es nur das starke Duett „Girl From The North Country“ auf Dylans „Nashville Skyline“ (1969) geschafft hat.

Trotzdem ist dieser Heilige Gral mehr als halb voll: Wie so oft, liefert die „Bootleg Series“ Fans unbezahlbare Einblicke in den Produktionsprozess Dylans und zeigt etwa bei der wilden Kombination aus „Don’t Think Twice, It’s All Right“ und „Understand Your Man“, was für ein gewaltiges Potenzial diese Zusammenarbeit bei etwas mehr Geduld hätte haben können. Gewohnt stark ist der Einblick in die Sessions zum Dylan-Album „John Wesley Harding“ auf CD1, auf der dritten Scheibe finden sich noch inspirierte Versuche mit Bluegrass-Ikone Earl Scruggs (1924-2012). (Legacy/Sony) jpk

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★

 

(Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)

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