Neue Alben

Entblößt bis auf den Gefühlskern

Jazz: „Common Practice“ von Ethan Iverson

Kaum zu glauben, dass der Pianist Ethan Iverson einst als Totengräber des klassischen Jazz gefürchtet wurde. Ist der einstige Frontmann des Trios The Bad Plus doch ein enzyklopädisch versierter Pianist, der mit jeder Note die Tradition des Genres zelebriert – aber ohne einen Anflug von Musealität.

Auf „Common Practice: Live At The Village Vanguard“ setzt er nicht nur dem Trompeten-Altmeister Tom Harrell ein ehrfurchtgebietendes Denkmal. Er knüpft auch an die ruhmreichen Jazz-Live-Alben aus den 1950er und 60er Jahre an, deren Historie er weiterführt.

„Common Practice“ bietet ausschließlich Blues und Standards, aber Iverson interpretiert sie auf abenteuerliche Weise. Mit Ben Street (Bass) und Eric McPherson (Schlagzeug) unterzieht er die Evergreens einer vor Spannung berstenden Belastungsprobe; Rhythmen werden in kollektivem Austausch wild durcheinandergewirbelt, Harmonien bis in dissonante Grenzbereiche ausgereizt. Querdenker wie Monk, Brubeck oder Twardzik lassen grüßen.

Ungeahnte Möglichkeiten

Dazu spielt Harrell zutiefst anrührende Soli, die in ihrer Fragilität an den späten Chet Baker gemahnen. Sein Trompeten-Sound umhüllt die Härte des Metalls mit hauchiger Zartheit. Während Iverson, der Denker, eher ungeahnte harmonische Möglichkeiten auslotet, dringt Harrell zum emotionalen Kern der Stücke vor.

„The Man I Love“ wird so zu einem abgründigen Psychogramm von Einsamkeit. „Sentimental Journey“ erscheint dunkel umflort wie vom Wissen um die Zeit seiner Entstehung 1944 überschattet, während „Wee“ als Calypso zu einem sinnenfrohen Bebop-Bacchanal gerät. (ECM) gespi

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★

 

(Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)

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