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Nach 40 Jahren endlich vollendet

Archivartikel

Avantgarde-Rock: Frank Zappas Meisterwerk „Orchestral Favorites“ erscheint erstmals komplett als Dreifach-CD

Pierre Boulez, Kent Nagano und das Ensemble Modern können nicht irren: Sie alle haben Orchesterwerke von Frank Zappa aufgenommen. Der 1993 verstorbene Gitarrist und Komponist war mehr als nur ein Rockmusiker. Er war auch, beeinflusst von Edgar Varèses Faible für Polyrhythmik und Klangflächen sowie von Anton Weberns atonalen Werken, ein Komponist „ernster“ Musik.

Eines seiner Meisterwerke, „Orchestral Favorites“, 1975 eingespielt mit einem 37-köpfigen Orchester, erscheint jetzt 40 Jahre nach der Erstveröffentlichung zum ersten Mal in kompletter Form auf drei CDs und zwei LPs. Allein der auf Höchstniveau restaurierte Klang lohnt die Anschaffung.

Brillanter Sound

Die Neufassung lässt die Original-LP und die von Zappa zu Lebzeiten noch remasterte CD verblassen, denn erstmals wurden die Originalbänder verwendet. Der Sound ist wunderbar räumlich und detailreich. Dazu gibt es erstmals ein ausführliches Booklet mit einem informativen Text von Zappas damaligem Drummer Terry Bozzio, der die extreme Komplexität der Zappa-Kompositionen (die auch Kent Nagano beeindruckt hat) verdeutlicht.

Erstmals wird nun auch das komplette Konzert vom 18. September 1975 in Los Angeles veröffentlicht; die Originalplatte war bei einer nichtöffentlichen Probe unter Studiobedingungen aufgenommen worden. Zappa bot seinem Publikum eine begeisternde Mischung aus äußerst verwegenen Kompositionen in der Tradition Neuer Musik und eher konventionellen Arrangements von einigen seiner Rock-Klassikern wie „Duke Of Prunes“ „Uncle Meat“ oder „Strictly Genteel“. Die Stücke „Rollo“ und „Black Napkins“ krönt Zappa – ohne Frage einer der größten Instrumentalisten der Rockgeschichte – mit exzellenten Gitarrensoli, bei denen er die Expressivität des Blues mit der Sound-Ästhetik des Rock und der Komplexität des Jazz zusammenbringt; nicht ohne Grund gilt er als einer der Pioniere der Fusionmusik.

Im Zentrum von „Orchestral Favorites“ aber stehen monströse Orchesterstücke wie das 15-minütige „Bogus Pomp“, eine wilde Collage aus avantgardistischen Schock-Klängen, gestelzten Tonfolgen, burlesken Bierzelt-Melodien, rockigen Zwischenspielen auf einer elektrisch verstärkten Geige und satirisch verfremdeten Broadway-Reminiszenzen.

Es ist eine unruhig flirrende, temporeiche Musik, bei der kühn verwinkelte Intervallsprünge wie Blitze durch die Satzgruppen des Orchesters schnellen und sich in jähen Klangballungen entladen. Harte Kost für die Rockfans im Publikum, die Zappa bei seinen Ansagen mit sardonischem Humor auf diffizil verschachtelte Werke wie „Pedro’s Dowry“ vorbereitet. Das ist von ausgetüftelten polyrhythmischen Strukturen, dichten Klangblöcken und bizarren Tonfolgen geprägt – ohne eine nachvollziehbare Melodie.

Ein weiterer Höhepunkt: Das rund 20-minütige „The Adventures Of Greggery Peccary“, bei dem zum Finale des Konzertes auf fast schon gefällige Weise all das zusammenfließt, was Zappas Musikkosmos auszeichnet – rockige Grooves, schräge Harmonien, mutige Klang-Experimente, permanente Taktwechsel, schnelle Stimmungsbrüche, flirrende Klangfarbenvielfalt. Schade, dass es solche Rockmusiker nicht mehr gibt, die ihrem Publikum die Ohren für Neues öffnen. (Universal) gespi

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★

 

(Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)

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