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Nicht perfekt – aber ganz nah dran

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Rock: Sam Fender eifert mit „Hypersonic Missiles“ seinen Vorbildern nach und tritt dennoch aus der Masse hervor

Die Vergleiche mit Bruce Springsteen kann Sam Fender inzwischen nicht mehr hören, aber auf seinem von Kritik und Fans umjubelten Debüt „Hypersonic Missiles“ ist natürlich nicht zu überhören, wo der 25-jährige Brite in die musikalische Grundschule gegangen ist. Der Sound des jungen Manns aus North Shields in der Nähe von Newcastle wurzelt schließlich tief im US-Rock eines Tom Petty und den Hymnen Springsteens. Und wer zu den treibenden Gitarren wie etwa im Titelsong dann auch noch ein Clarence-Clemons-Gedächtnis-Saxofon röhren lässt, muss sich nicht wundern, wenn alle den „Boss“ als Vorbild heraushören. Und doch ist Fender kein billiger Wiedergänger, sondern impft dem Altbekannten mit britischem Wave und Strokes-Riffs seine ganz eigene Individualität ein.

Daraus entsteht eine originelle, griffige Mischung, die den Poster-Boy mit Model-Hintergrund momentan so wohltuend aus der Menge der gleichförmig produzierten Masse britischer Alleinunterhalter hervorhebt. Und nicht nur die Musik des Singer-Songwriters, der sich anstatt von großen Namen lieber von einem Kumpel produzieren ließ, lässt trotz enormer Radiotauglichkeit aufhorchen. Auch was der junge Ausnahmekönner zu sagen hat, ist hörenswert. Dass von der heruntergekommenen Heimatstadt selbst am Freitagabend nicht mehr viel zu erwarten ist, geht nun sicher nicht als neue Erkenntnis durch. Aber mit welcher Reife und Tiefe Fender Themen wie die Selbstmordquoten in abgehängten Regionen („Dead Boys“), häusliche Gewalt („The Borders“) oder giftigen Männlichkeitswahn abhandelt, ist vom Debüt eines 25-Jährigen so sicher nicht zu erwarten.

Perfekt ist „Hypersonic Missiles“ deshalb noch lange nicht, ein paar Songs klingen tatsächlich etwas nach Auftragsarbeit, um zu gefallen. Und dennoch: Sam Fender deutet mit dieser Scheibe an, was er jenseits seiner fast beiläufig wirkenden Hits („Play God“) künftig an Potenzial abrufen kann. Auch das macht dieses Debüt so außergewöhnlich. (Polydor) th

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★

 

(Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)

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