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Öko-Hymnen ohne Wutschnauben

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Rock: Neil Young holt Springsteen-Gitarrist Nils Lofgren in seine Kultband Crazy Horse – und lärmt weniger als erhofft

Obwohl Neil Young zurzeit wie am Fließband Platten produziert (sieben seit 2014, dazu Archiv- und Live-Material), hat diese Nachricht nicht nur seine eingefleischten Fans elektrisiert: Sieben Jahre nach „Psychedelic Pill“ bringt der Kanadier seine kongeniale Band Crazy Horse wieder zusammen. Mit „Colorado“ liegt nun das Ergebnis vor. Und nach Youngs sagenhaftem Konzert mit Lukas Nelsons Band Promise Of The Real im Sommer in der Mannheimer SAP Arena, aber auch der letzten Tour mit Crazy Horse 2014 könnten die Erwartungen kaum höher sein.

Kaum donnernde Gitarren

Die werden schon bei den ersten Tönen einer folkigen Mundharmonika enttäuscht. Oder besser gesagt: umgeleitet. Denn viele hatten sich als Reaktion auf die aberwitzigen Weltläufte dieser Tage von diesem legendären Songwriter eine wütende Katharsis-Platte erhofft. Denn gerade an der Seite von Crazy Horse donnert Youngs E-Gitarre gern mal wie Thors Hammer.

Dazu hat ihn häufig das Zusammenspiel mit Frank „Pancho“ Sampedro inspiriert. Der hatte wohl keine Lust auf das Projekt, dafür sprang Nils Lofgren wie schon Anfang der 1970er Jahre in die Bresche. Die Chemie mit dem Gitarristen von Bruce Springsteens E Street Band ist zwangsläufig anders: Statt sich im Duett mit Young zu virtuosen Lärm-Exzessen hochzuschaukeln, liefert er der 73-Jährigen Ikone eher ein Fundament, von der diese zu kreativen Ausflügen abheben kann. Das dreizehneinhalbminütige „She Showed Me Love“, eine Dankeshymne an die Natur, ist dafür das beste Beispiel. So viel Energie wird den etwas zu sehr in Richtung des hippiehaft-naiven 2016er-Livealbums „Earth“ orientierten Texten nicht immer entgegengesetzt.

Außer im starken Rocker „Help Me Lose My Mind“ oder dem etwas aufsässigeren Agitpop-Song „Shut It Down“, in dem Young angesichts des Klimawandels das Abschalten „des Systems“ fordert, „dominieren ruhigere Folkrock-Töne mit harmonischen Chören („Green Is Blue“). So ein hübsches, eingängiges Lied wie „Eternity“ mit seinem schaukelnden Klavier hat man von Neil Young nur ganz selten gehört.

Unaufgeregte Töne

Wer sich auf „Colorado“ einlässt, idealerweise in der aufwendig ausgestatten, wunderbar klingenden, aber nicht billigen Vinyl-Ausgabe, wird sich die zehn Lieder mit der Zeit erstaunlich schön hören. Was zunächst allzu harmlos daher kommt, offenbart mit der Zeit harmonisch, aber auch von der Intensität her Dauerbrenner-Qualitäten. Die Gitarren drängen oft eher unterschwellig, dafür passen die ökologischen Inhalte perfekt in die Zeit – und der aufgeheizten Klimadebatte tun unaufgeregtere Töne durchaus gut. Von daher: Auch ohne wutschnaubende ältere Herren ragt Youngs 39. Studioalbum zumindest aus der Überproduktion in diesem Jahrzehnt ein Stück weit heraus. (Reprise/Warner)

Unsere Note: ★ ★ ★ ★

 

(Muntermacher) von 6 Sternen

 

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)

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