Neue Alben

Wirklich „Richtig gutes Zeug“

Hip-Hop/Electropunk: „Wer sagt denn das?“ ist Deichkinds siebte, politischste, auf lässige Art erwachsenste und beste Platte

Gerade haben Deichkind einen Beitrag zu Sidos bisher stärkstem Album „Ich und keine Maske“ geleistet. Das Hamburger Hip-Hop- und Electropunk-Trio selbst konnte deshalb nach zwei Nummer-eins-Alben in Folge seine Serie nicht fortsetzen. Ihr siebtes Werk „Wer sagt denn das?“ musste sich mit Rang drei nach Sido und der Wiederveröffentlichung des Beatles-Klassikers „Abbey Road“ begnügen. Trotzdem gebühren den 17 Songs ein paar Superlative: Sie bilden die politischste, erwachsenste und beste Deichkind-Platte überhaupt. Keine Sorge: Der Ironie-Modus bleibt fast immer an und der lässige nordische Humor erhalten.

Tiefsinnige Themen

Die Hamburger Feuilleton-Lieblinge waren immer für zwei, drei „Krawall und Remmidemmi“-Partykracher gut. Zuletzt wurden ihre Alben runder und seit „Arbeit nervt“ (2008) auch tiefschürfender. Jetzt liefern sie selbst ein fast ideales Feuilleton mit klugen und trotzdem höchst unterhaltsamen Beitragen zu gesellschaftlicher Polarisierung und Fake News („Wer sagt denn das?“), Materialismus („Dinge“, „Gewinne Gewinne“), Streaming-Manie („Cliffhänger“), Ende der Spaßgesellschaft („Keine Party“), autonomes Fahren („Endlich autonom“) oder allgemeine Unentschlossenheit („Quasi“). Dazu kommen Songs mit fast comedy-reifen Alltagsbeobachtungen wie „Knallbonbon“, „Bude voll People“ (zitiert Marilyn Mansons Hit „Beautiful People“), „Party 2“, „Powerbank“ oder „Richtig gutes Zeug“.

Letzteres trifft auf diese Platte aber auch musikalisch zu, und zwar fast komplett, allenfalls die beiden Balladen am Schluss fallen ab. Kryptik Joe, DJ Phono, Porky und Produzent Roland Knauf variieren fast alle Varianten elektronischer (Tanz)Musik so originell, abwechslungsreich und witzig, dass man die Bonus-CD mit Instrumental-Versionen locker eine Stunde auf der Time Warp (oder der heimischen Party) laufenlassen könnte.

Mit Böhmer- und Lindemann

Das stilistische Spektrum reicht vom Kraftwerk-Zitat bis zur Rammstein-Härte von „1000 Jahre Bier“. Tatsächlich gibt deren Sänger Til Lindemann dabei eines seiner seltenen Gastspiele. Die Gäste sind wohl auch der Grund, warum sich der Abgang des Deichkind-Intensitätsbeauftragten Ferris MC fast gar nicht bemerkbar macht: Unter anderem hinterlassen Kraftklub-Frontmann Felix Kummer, Ärzte-Drummer Bela B., Songwriter Olli Schulz und ZDF-Satiriker Jan Böhmermann prominente Duftmarken. Das rundet die Sache ab. (Sultan Günther) jpk

Unsere Note: ★ ★ ★ ★ ★

 

(Megamäßig) von 6 Sternen

(6 Sterne - Musikmythos; 5 Sterne - Megamäßig; 4 Sterne - Muntermacher; 3 Sterne - Mittelmäßig; 2 Sterne - Mächtig mies; 1 Stern - Mama Mia)

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