Neuostheim / Neuhermsheim

Neuhermsheim Kinder sammeln eigenständig Plastik im Wohngebiet ein / Auch Plakate gebastelt und aufgehängt

„Der ganze Müll hier – das ist so traurig“

Archivartikel

Ganz aufgeregt öffnen die Drei die Tür. In einem Wohngebiet in Neuhermsheim lebt der zehnjährige Linus. Seine Freunde Luc (9) und Eny (10) wohnen ganz in der Nähe. Sie freuen sich über den Besuch. Denn endlich können sie mal ihren Frust loswerden: „Der ganze Müll hier – das ist so traurig“, sagt Linus. Deshalb haben sich die drei Kinder mit noch einer Freundin, Elise (10), zusammengetan – und kurzerhand den Müll aufgesammelt. „Wir haben über 200 Zigarettenstummel aufgehoben“, erzählt Luc. „Das war schrecklich.“ Diese Aktion haben sie bereits mehrfach wiederholt.

Auf das Thema Umwelt und Klimawandel ist Linus bei den ZDF-Kindernachrichten aufmerksam geworden. „Die schaue ich immer, wenn ich Zeit habe“, sagt er. Was ihn stört: „Dass die Leute in der Stadt den Müll einfach – wutsch – auf den Boden werfen.“ Er findet, man sollte sich für die Umwelt einsetzen. Sollte, wenn nötig auch man jemanden ansprechen, der sich falsch verhält. „Sogar auf dem Spielplatz liegt überall Müll herum“, sagt die 10-jährige Eny. „Als wir aufgeräumt haben, hat uns eine Frau total doof angeguckt.“ „Stimmt“, sagt Luc. „Als würde sie denken: ,Die haben sie nicht alle’.“

Auch in ihrer Grundschule sammeln die beiden Jungs, Linus und Luc, Müll. Eny geht bereits aufs Gymnasium. „Eigentlich sollte ich das mal bei der Lehrersprechstunde vorschlagen“, sagt sie. „Obwohl wir auch wirklich häufig ausgelacht werden, wenn wir anderen Kindern davon erzählen, oder wollen, dass sie ihren weggeworfenen Müll wieder aufheben.“ Auch Plakate haben die Kinder gebastelt und in der Gegend aufgehängt. Das bei der Schule (Johann-Peter-Hebel Grundschule) wurde bereits abgerissen.

Nachhaltiges Einkaufen

Sie zeigen, wo sie überall gesammelt haben. Etwa eine Strecke von anderthalb Kilometer haben sie dabei zurückgelegt. Vor allem an der Straßenbahn Haltestelle – da gab es den meisten Müll. Linus zeigt bei der Begehung auf jedes Fitzelchen. „Ich würde mir wünschen, dass jeder einfach mal eine Tüte mitnimmt. Wenn er zum Beispiel zum Bäcker geht oder mit dem Hund draußen ist. Da kann man doch ganz schnell mal ein bisschen was einsammeln.“

Plastik in der Umwelt ist für Linus die eine Sache. Die andere ist die Produktion davon. „Er hat uns total umerzogen“, erzählt sein Vater Lars Kölling. Linus sprintet zum Kühlschrank und zeigt, was sein Vater damit meint: Milch und Joghurt in Glasbehältern, unverpacktes Gemüse. Käse und Wurst kaufen sie nur noch mit eigenen Brotdosen an der Theke. „Und wenn es etwas nicht unverpackt gibt“, sagt Linus, „dann überlegen wir erst einmal genau, ob wir das wirklich brauchen.“

Doch nicht nur der Müll beschäftigt die kleinen Klima-Aktivisten. „Ich kann nicht verstehen, warum so viele Leute ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren“, sagt Linus. Auch Eny ist verärgert darüber: „Bei uns am Lessing-Gymnasium ist jeden Morgen die ganze Straße zu. Da ist überall Stau.“