Oststadt / Schwetzingerstadt

Schwetzingerstadt Ausstellungseröffnung der kurdischen Künstler Bahaiden und Avan Anwar

Blumen für die Heimat

Wie fühlt es sich an, seine Heimat zu verlieren und sich in einem fremden Land ein neues Leben aufzubauen? Welche Erinnerungen bleiben zurück? Um Fragen wie diese geht es in einer neuen Ausstellung im Atelier Avesta, die jetzt in der Schwetzingerstadt eröffnet wurde. Für das Projekt haben sich die beiden kurdischstämmigen Künstler Bahaiden und Avan Anwar zusammengeschlossen. Während Bahaiden bereits seit 1994 in Mannheim lebt, ist seine Kollegin eigens für die Ausstellung aus Australien angereist.

„Ich habe immer noch Sehnsucht nach meiner Heimat“, erzählt Anwar bei der Vernissage. Als 9-Jährige flüchtete sie mit ihrer Familie aus ihrer kurdischen Heimatstadt Halabja, bevor diese durch einen Giftgasangriff zerstört wurde. „In Australien habe ich zwar ein neues Zuhause gefunden, aber meine Erinnerungen hängen immer noch an Kurdistan. Ich balanciere immer zwischen zwei verschiedenen Kulturen.“

Verschlungene Ornamente

Die Verbindung zu der kurdischen Herkunft der beiden Künstler zeigt sich in der Ausstellung an den arabischen Schriftzeichen, die in die Kunstwerke hineingewoben sind. Alle Wände des Ateliers sind mit großen stilisierten Blumen bedeckt, deren Blütenblätter in verschiedenen Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß gestaltet sind. Aus diesen Blütenblättern sind arabische Buchstaben ausgeschnitten, die sich zu verschlungenen Ornamenten zusammenfügen.

Es handelt sich um Verse aus einem Gedicht des kurdischen Schriftstellers Dilawar Qaradaghi, erklärt der Künstler Bahaiden. „Der Dichter spricht darin von der Sehnsucht nach einer Heimat“, sagt er. Ausschnitte dieses Gedichts finden sich auch im Schaufenster des Ateliers: Hier schweben Papierknäuel in der Luft, die wie achtlos zusammengeknüllt aussehen, gleichzeitig aber auch an Blumen erinnern. Von diesen Papierknäueln hängen ausgeschnittene arabische Buchstaben herab - ebenfalls Verse aus dem Gedicht. „Diese Blumen riechen nach Sehnsucht“, sagt Bahaiden.

Benno Lehmann, Kunsthistoriker an der Universität Heidelberg, gab bei der Ausstellungseröffnung eine Einführung zu den Kunstwerken. Er deutete die Blumen als Symbol für die Heimat, aber auch für die Vergänglichkeit. „Denn so wie Blumen verblühen, kann auch die Heimat vergehen.“ Der Kreislauf des Lebens sei für die beiden Künstler ein weiteres wichtiges Thema. „Eine Blume kann zwar verwelken, aber in einer neuen Heimat können neue Blumen aufblühen“, interpretierte er.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch der vielschichtige Titel der Ausstellung deuten: „TransFORMation“. Die Blume kann für die ständigen Veränderungen stehen, von denen auch die Biografien der beiden Künstler bestimmt sind. „Ich habe mich in meinem Leben schon so oft verwandelt“, sagt Anwar. Bei allen Veränderungen bleibt durch die Muttersprache jedoch eine Verbindung zur Heimat erhalten - so deutet Benno Lehmann die Bedeutung des kurdischen Gedichts.

Unterstützt wird die Ausstellung vom Verein KulturQuer QuerKultur Rhein-Neckar, bei dem Bahaiden seit vielen Jahren Mitglied ist. „Unser Ziel ist es, den interkulturellen Austausch zwischen Künstlern zu fördern und junge Kunstschaffende zu vernetzen“, sagt die Vorsitzende Gisela Kerntke. „Bahaiden veranstaltet in seinem Atelier regelmäßig Partnerausstellungen mit internationalen Künstlern und ist damit eine große Bereicherung für unseren Verein und für Mannheim.“

Künstler sind überall zuhause

Auch wenn in der Ausstellung die Sehnsucht nach der Heimat im Mittelpunkt steht: Bahaiden selbst vermisst Kurdistan kaum noch, sagt er. „Mannheim ist jetzt meine Heimat geworden. Wer Künstler ist, kann überall zu Hause sein.“