Oststadt / Schwetzingerstadt

Schwetzingerstadt In der Seckenheimer Straße sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie allerorten spürbar / Ein Rundgang durch den Stadtteil

„Die Leute kaufen alles weg“

Archivartikel

Die Beschränkungen des öffentlichen Lebens mit dem Ziel, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, sind auch in der Seckenheimer Straßen erkennbar. Vom sonst zu jeder Tageszeit pulsierenden Leben ist nichts mehr zu sehen. Nur wenige Menschen sind am Nachmittag auf der Haupteinkaufsstraße der Schwetzingerstadt unterwegs, um das Nötigste zu besorgen. Viele Parkplätze sind leer.

Vereinzelt kommen die Kunden in den kleinen Laden „Wohnhunger“ – Wunderkammer für Geschenke, Feinkost und mehr. „Man merkt schon, dass die Leute zu Hause bleiben; es ist ruhig, keine normale Belebung wie sonst“, erzählt Inhaber Uwe Schellbach. Als Lebensmittelversorger darf sein Laden offenbleiben. „Beliebt ist vor allem die mehrfach ausgezeichnete Fleischwurst der Metzgerei Hauser“, erklärt Schellbach. Er hofft jetzt, dass die Lieferung weiter funktioniert.

Gutbetuchte hamstern

Ingeborg Riegl will Besorgungen machen. Sonst bleibe sie zu Hause, sagte die frühere SPD-Bezirksbeirätin. Wenn die Berufstätigen nach 14 Uhr wieder in ihren Firmen seien, sei hier alles leer. Leer seien auch die Regale im Lidl-Supermarkt, nicht nur die Regale für Nudeln und andere haltbare Lebensmittel, sondern auch das Kühlregal. „Alles ist ausverkauft“, außerdem habe sie „eine leichte Aggression“ festgestellt. „Es gibt auch noch andere Menschen, die keine Vorräte anlegen können, wegen fehlenden Geldes“, sagte sie. Vor allem viele ältere Menschen, aber auch Jüngere, lebten von heute auf morgen. Die Gutbetuchten machten „Hamstereinkäufe“ und andere gingen leer aus, das sei „unsolidarisch und auch ein gesellschaftliches Problem“. „Wenn die Menschen sich nicht dran halten, obwohl alle Regierungen an ihre Vernunft appellieren, so muss das kontrolliert werden“, meint sie.

„70 Prozent werden pleite gehen“

Tuncay Sengül steht vor seinem Salon. Der Inhaber von „Hairstylist“ will sein Geschäft schließen, das er vor acht Jahren in der Seckenheimer Straße eröffnet hat. „Das ist eine Ausnahmesituation“, sagt er. Bei den Friseuren sei zwar mehr los als bei anderen. Als wesentliches Geschäft brauchten sie auch nicht zu schließen. Doch er mache das aus Verantwortung gegenüber seiner Familie. Es habe deshalb schon Streitereien mit Kunden gegeben. Gerade sei eine ältere Dame da gewesen, die unbedingt bedient werden wollte. Ihr Argument: Sie habe auch schon den Zweiten Weltkrieg überlebt. Ein Ärgernis sei auch, wenn ein Friseur schließe, gebe es keine Hilfe vom Staat. „Das kann nicht sein, da sieht man, was man wert ist, bis zu 70 Prozent werden pleite gehen“, befürchtet er. Die Entscheidung der Regierung sei falsch. Mittlerweile hätten schon 2000 Friseure eine Petition unterzeichnet.

Ein paar Schritte weiter kann Brigitte Hohlfeld „gerade nirgendwo Streichhölzer finden“. „Die Leute kaufen alles weg“, kritisierte sie. „Das ist die Stunde der Exekutive“, meint sie. Die Situation sei momentan so wie sie ist, man könne daran nichts ändern, auch wenn sie es beispielsweise als Vorsitzende des Ältestenkreises der ChristusFriedenGemeinde natürlich schön fände, wenn Gottesdienste gefeiert werden könnten. Sie habe gerade in der Stadt einen Kaffee getrunken – in gebührendem Abstand zu den anderen Gästen. Sie kann die Sorglosigkeit der Menschen nicht nachvollziehen: „Jeder denkt, er ist geschützt“, so Hohlfeld. Traurig finde sie nur, dass das zweite Zeitzeugenbuch momentan der Gemeinde nicht präsentiert werden kann. „Es sind alles alte Leute, vor allem alte Männer, aber wir haben ihnen gesagt, wir holen das nach“, versicherte Hohlfeld.

Asiatin angeschrien

Lebhaftes Treiben herrscht ein paar Häuser weiter bei „Love me Cakes“. Inhaberin Christiane Bonkat schickt gerade jede Menge Pakete mit frischen Low Carb Produkten per Post auf die Reise. Ihr Online-Shop funktioniere, und es kämen trotz Coronavirus auch nicht weniger Kunden in ihren Laden. „Doch ob es den Laden in einem halben Jahr noch gibt“, rätselt sie. Was sie ärgert, ist, dass ihre asiatisch aussehende Bäckerin vor Kurzem auf der Straße angeschrien wurde. „Als ob das Coronavirus pauschal was Persönliches wäre“, sagt sie.

Für DHL-Mitarbeiter Bastian Esenwein gibt es derzeit einiges zu tun, da die Bestellungen per online zunehmen. Die Mitarbeiter hätten alle Desinfektionsmittel im Auto. Vor jedem Kundenkontakt würden die Hände desinfiziert. „Wir sind sehr bemüht, dass nichts passiert“, betont er.

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