Oststadt / Schwetzingerstadt

Oststadt/Schwetzingerstadt Journalistin Simone Schlindwein zu Gast in der Cafeteria des Liselotte-Gymnasiums

Düstere Analyse der Afrikapolitik

„Stell dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin!“ Im Ostkongo gewinnt dieser Satz einen bitteren Beigeschmack. Seit Ende des Kalten Krieges herrscht dort ein Gemisch aus Bürgerkrieg und Staatenkrieg. „Die Interessenkonstellationen sind komplex“, berichtet Simone Schlindwein in der Cafeteria des Liselotte-Gymnasiums. Die Journalistin führte die Schüler in die politischen Konflikte der Region an den Großen Seen ein.

Schlindwein ist seit 2008 in der Region als eine der wenigen deutschen Journalisten ansässig und berichtet unter anderem für die taz. Sie schrieb über den Völkermord in Ruanda und dessen juristische Aufarbeitung in Deutschland das Buch „Tatort Kongo“. Dieses führte sie auch das letzte Mal nach Mannheim, als sie über Ignace Murwanashyaka recherchierte. Dieser wurde 2015 vom Oberlandesgericht Stuttgart zu 13 Jahren Haft verurteilt, nach dem die Hutu-Befreiungsarmee FDLR 2009 unter Murwanashyakas Führung Zivilisten in mehreren ostkongolesischen Gemeinden töteten. Die Morde wurden aus der Mannheimer Wohnung organisiert.

Europäische Konstruktion

1994 war es in Ruanda zu einem Völkermord der Hutu an den Angehörigen der Tutsi gekommen. Schlindwein enttarnte die Gruppen der Hutu und Tutsi als europäische Konstruktion. Die Einteilung der Kolonialherren Anfang des 20. Jahrhunderts in Einheimische, die eher Viehwirtschaft betrieben, und Einheimische, die eher Ackerbau betrieben, gab den Ausgangspunkt für eine zunehmende Verfeindung der beiden Gruppen, weil die Unterscheidung Basis für eine Bevorzugung der Tutsi hinsichtlich politischer und bürokratischer Ämtervergabe wurde. Die europäische Rassenideologie verschärfte das Verhältnis weiter, was mit dem zahlenmäßigen Übergewicht der Hutu zur Situation von 1994 führte.

Die Schüler diskutierten mit Schlindwein über die selektive europäische Wahrnehmung, die sich vor allem durch Tierfilme und Katastrophenberichterstattung auszeichne. Schlindwein wies auf die reichen Bodenschätze der Region hin, die immer wieder Geld und damit neue Waffen und Gewalt in die Region bringen. Uran, Coltan, Erz, Kupfer, Zink, Kobalt, Nobium sorgen für tödliche Interessenkonstellationen. Die Warlords, die Mienen und Transportwege kontrollieren, sehen in den aufflammenden Konflikten, die Grundlage für eine dauerhafte Erwerbsgrundlage. Nur mittels politischer Instabilität könnten demokratische Wahlen und damit ein Machtverlust gesichert werden. Auch die autoritären Player China und Russland, sowie westliche Unternehmen sehen in den Warlords gute Verhandlungspartner. Die Bezahlung eines Warlords verspricht günstigere Konditionen, als die Verhandlung mit einem ganzen Staat. Die UN leiste sich zwar in der Region die größte Mission weltweit, sei aber ohne wirklichen Plan und Willen strukturelle Änderungen herbeizuführen. Die stationierten Soldaten stammen selbst aus Entwicklungsländern und sind überwiegend mit Selbstschutz beschäftigt. Schlindweins Prognose ist düster. In naher Zukunft sieht sie kein Ende der Gewalt. Das Morden wird weiter gehen.

Die Schüler bestätigten den Eindruck einer neuerlichen Wiedererweckung politischen Engagements und des Willens zur politischen Bildung unter jungen Menschen, indem sie Fragen auf erstaulich hohem Niveau stellten. mahi