Oststadt / Schwetzingerstadt

Oststadt/Schwetzingerstadt Theater-AG am Liselotte-Gymnasium führt zweimal „Antigone“ nach Sophokles im Schulhof auf

„Ich groß, ich Macht, ich Gesetz!“

Archivartikel

Menschen in weißen Schutzanzügen marschieren herbei und schrubben auf den großen Sitzstufen mit Handbürsten rote Kleckse weg, die Blutlachen nach einer geschlagenen Schlacht darstellen sollen. „Ungeheuer ist der Mensch und ungeheuer ist die Sauerei, die er hinterlässt“, stöhnen die weiß gewandeten Tatortreiniger. Unter freiem Himmel auf den steinernen Sitzstufen neben dem Schulgebäude inszenierte die Theater-AG des Liselotte-Gymnasiums (Lilo) an zwei Abenden das mythologische Theaterstück „Antigone“ des griechischen Dichters Sophokles, jedoch in einer modernisierten Version. Das facettenreiche Theaterstück unter der Regie der beiden Lehrer Faina Rüber und Holger Andreas beschäftigt sich mit Themen wie Rache, Familientreue und Wahrheit.

Als Gedächtnisstütze für das Publikum hatte das Ensemble die Namen der Hauptfiguren zuvor mit weißer Sprühkreide aus der Dose an die Äste eines Baumes gemalt, der ganz oben hinter der letzten Sitzstufe aufragt, wie ein fein verästelter Familienstammbaum, auf dessen Stamm fett der Name „Ödipus“ zu lesen ist. Im Streit um den Thron des Stadtstaates Theben bringen die beiden Zwillingsbrüder Eteokles und Polyneikes einander um.

Jedoch spart die Schauspieltruppe diesen kriegerischen Akt aus und setzt in der Handlung erst nach der umstrittenen Beerdigung des gefallenen Polyneikes ein: An diesem Grab, dargestellt durch einen Erdhaufen an der untersten Stufe hinter einer bedeutungsschweren roten Linie, entbrennt ein Streit zwischen Herrscher Kreon (Moritz Fritsch), der einen verschwörerischen Angriff auf seine Allmacht vermutet, und Antigone (Franziska Welker), der Schwester des getöteten Polyneikes. Deshalb setzt das Staatsoberhaupt Kreon alles daran, seine Macht zu erhalten.

Sprühkreide im Einsatz

„Ich groß, ich Macht, ich Gesetz!“, ruft der religionskritische Meinungsmacher Kreon. In seiner Rolle trägt Schauspieler Moritz Fritsch ein weiß geschminktes Gesicht sowie als Kontrast pechschwarz umrandete Augen und rot gefärbte Lippen. Wie kann sich zwischen zwei Brüdern, zwischen denen ein inniges Band bestehen müsste, solch ein Hass entwickeln? Dieser Frage spürt das Theaterstück ebenfalls nach. Im Verlauf des Spiels sprühen die Akteure verschiedene Schlagworte auf die steinernen Sitzstufen, etwa die Begriffe „Familie“ und „Gewissen“. Darüber hinaus diskutieren die auftretenden Figuren, ob eine Frau die Herrscherin über einen Staat werden kann. „Den wahren Charakter zeigt ein Mann erst, wenn er zu Macht gekommen ist“, schildert Staatslenker Kreon.

Das Stück hat durchaus einen aktuellen Bezug: Als vor wenigen Tagen der wiedergewählte türkische Staatspräsident Erdogan vereidigt wurde, ließ der Staatschef durch einige Verfassungsänderungen stärkere juristische Befugnisse auf sich übertragen.

Im Hintergrund spielt eine dreiköpfige Schülerband mehrere Songs des 1996 verstorbenen Protestsängers Rio Reiser, zum Beispiel „Menschenfresser“ und „König von Deutschland“, um die einzelnen Handlungsabschnitte klanglich zusammenzufassen. In ihrem Theaterstück „Antigone“ verwenden die Schauspieler eine spezielle Sprühkreide in Spraydosen für temporäre Markierungen, die sich mit einem Kärcher-Hochdruckreiniger wieder leicht von den steinernen Stufen entfernen lässt. Eine solche Sprühkreide kommt auch bei Fußballspielen zum Einsatz, um auf dem Spielfeld die Linie für einen Freistoß zu ziehen.