Oststadt / Schwetzingerstadt

Oststadt Vortrag über die Identität der Nation am KFG

Schon immer offen für andere Kulturen

Mannheim.Was ist deutsch? Wodurch zeichnet sich die deutsche Identität aus, wie sollen wir mit verstärkter Zuwanderung umgehen und gibt es kulturelle Werte, die gegen Einflüsse von außen verteidigt werden sollen? Solchen Fragen widmete sich Dieter Borchmeyer bei einem Vortrag im Karl-Friedrich-Gymnasium (KFG), das gemeinsam mit dem Ehemaligenverein Altherrenverband regelmäßig Referenten aus unterschiedlichen Fachbereichen einlädt.

Der Kontakt zu dem emeritierten Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg kam über Pia Treiber, eine ehemalige Schülerin des Gymnasiums, zustande, die jetzt selbst in Heidelberg studiert. Da ihre Eltern Borchmeyer persönlich kannten, habe sie schon als kleines Mädchen nach dem Kindergarten immer wieder in seinen Vorlesungen gesessen, erzählte Pia Treiber in einer persönlichen, humorvollen Einführung.

Sprache als Kitt

Daraufhin unternahm Borchmeyer auf der Grundlage seines Buches „Was ist deutsch?“ einen Streifzug durch die deutsche Geistesgeschichte. Im Mittelpunkt stand die Frage, was Deutschsein für große Dichter und Denker wie Wolfgang Goethe, Richard Wagner oder Thomas Mann bedeutete. Kaum eine andere Nation, so Borchmeyer, habe sich so oft die Frage nach ihrer Identität gestellt wie die deutsche. Weil die Landesgrenzen lange Zeit unsicher gewesen seien, sei es umso bedeutsamer gewesen, eine Nationalidentität zu finden. Darin liege aber auch eine Gefahr, wie schon der Soziologe Ernst Kahler festgestellt habe: „Gerade wenn ein Volk keine gesicherte Identität hat, bildet sich leicht blinder Patriotismus heraus.“

Borchmeyer versteht Deutschland in erster Linie als Kulturnation, die durch die gemeinsame Sprache zusammengehalten wird. Was Goethe, Novalis, Nietzsche, Wagner und Thomas Mann als typisch deutsch betrachteten, ist nach Borchmeyer der kosmopolitische Geist – die Offenheit für andere Kulturen und die Fähigkeit, fremde Einflüsse mit der eigenen Kultur zu vermischen. Mit Blick auf die Flüchtlingswelle, die bei vielen Deutschen Identitätsängste ausgelöst habe, plädiert Borchmeyer dafür, sich wieder an diesen Kosmopolitanismus zu erinnern: „Die deutsche Kultur soll nicht exklusiv, sondern offen für andere Kulturen sein, wie sie es im Grunde immer schon war.“ Borchmeyer äußerte die Ansicht, die deutsche Sprache müsse stärker gefördert werden. Den Begriff Leitkultur lehnte er ab, forderte aber dennoch, sich auf bestimmte kulturelle Grundlagen zu besinnen. So sollten Geflüchtete beispielsweise nicht nur vom Nationalsozialismus, sondern auch von Bach und Goethe erfahren. Es sei „furchtbar, wenn man es den neuen Rechten überlässt, auf die deutschen Traditionen zurückzuschauen“. (hil)